Der Verlust der Vorfreude

Auf Crowdfunding-Plattformen sind keine Profis aktiv. Das führt schon mal zu Verzögerungen beim Zeitplan. Kein Grund, gleich die Nerven zu verlieren. Stattdessen sollte man die Vorfreude genießen.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Auf Crowdfunding-Plattformen sind keine Profis aktiv. Das führt schon mal zu Verzögerungen beim Zeitplan. Kein Grund, gleich die Nerven zu verlieren. Stattdessen sollte man die Vorfreude genießen.

Oh tempora, oh mores! Ja, die Welt ist immer schneller geworden. Ja, auch die Produktionszyklen von Gadgets. Und ja, auch die Ungeduld der Konsumenten. Aber dass die schöne alte Tugend der Vorfreude damit verloren gegangen zu sein scheint, war mir neu.

Ende letzten Jahres habe ich das Kickstarter-Projekt Neptune Pine unterstützt – eine funktionsstarke Smartwatch bzw ein Mini-Smartphone, je nachdem, wie man es sehen möchte. Eigentlich sollte ich sie längst haben, denn die Pine-Macher wollten sie im Januar ausliefern. Doch nun, 49 Update-Posts später, ist es Mai – und es braucht mittlerweile einigen Optimismus, um noch an den nun angekündigten Auslieferungstermin im Juni zu glauben.

Ich finde das aber nicht mehr so schlimm, denn die Jungs waren clever und haben – während sie sich mit ihren chinesischen Fabrikanten und der US-Zulassungsbehörde FCC herumplagen – einem der Backer einen Prototypen zur Verfügung gestellt. Der postet nun auf Facebook munter seine Erfahrungen mit der tollen Smartwatch und ist offen für Testwünsche von uns sehnsüchtig Wartenden. Das steigert meine Vorfreude nur, denn ich kann schon jetzt sehen, dass sie ein wirklich gutes Produkt gemacht haben. Ich habe keinen Zweifel, dass ich die Pine irgendwann bekomme und damit zufrieden sein werde. Aber viele Backer sehen das anders und toben nun ihre Wut in den Kommentaren aus oder wollen ihr Geld zurück. Ist das wirklich so schlimm, wenn man mal ein paar Monate länger warten muss? Vorfreude ist die schönste Freude! Aber das scheint im 1-Klick-Konsum-Kapitalismus in Vergessenheit geraten zu sein.

Dabei ist doch klar, dass es sich hier um ein Start-Up handelt und nicht um Apple oder Sony. Da geht schon mal einiges schief, wie nicht zuletzt Pebble gezeigt hat. Da sind ein paar Jungs mit einer tollen Idee und viel Enthusiasmus, die jetzt aus dem Nichts 2500 Mal etwas noch nicht dagewesenes herstellen mĂĽssen. Die waren auf den groĂźen Erfolg der Kampagne und die zahlreichen Bestellungen sicherlich nicht vorbereitet. Da ist doch klar, dass man Terminversprechungen unter diesen Vorzeichen sehen muss.

Aber das ist beim Crowdfunding eben das Dilemma: Der Druck, eine Kampagne zur erfolgreichen Finanzierung zu fĂĽhren, bringt eben hochpolierteWerbevideos hervor, die suggerieren, dass man alles im Griff hat. Hat man aber nicht. Das ist dann aber wiederum kein Grund fĂĽr Aggressionen, wenn was nicht so klappt wie ursprĂĽnglich angedacht. (jlu)