Schneller Brüter

Die Otto-Tochter Liquid Labs drückt aufs Tempo: In sechs Monaten müssen Gründer aus ihren Ideen marktreife Start-ups formen. Geht das gut?

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Von
  • Katrin Wilkens

Die Otto-Tochter Liquid Labs drückt aufs Tempo: In sechs Monaten müssen Gründer aus ihren Ideen marktreife Start-ups formen. Geht das gut?

Noch mehr Understatement geht nicht: Hinterhofadresse, abgewetzte Ikea-Möbel, in der Küche eine olle Kaffeemaschine, wie sie auch Mutti ihren Söhnen fürs Studium spendiert. Keine Bilder, keine Farben, keine Corporate Identity – nichts verrät den Anspruch des Hamburger Start-ups Liquid Labs, eine einzigartige Innovationsmanufaktur zu sein. "Ich baue derzeit die coolste Firma der Welt auf – und habe Spaß dabei", schreibt Mitgründer Michael Backes auf der Firmenhomepage. Soll man das glauben? Immerhin steht der Otto-Konzern dahinter, der sich bisher nicht als Hort der Coolness profiliert hat.

Doch immerhin hat er es als einziger der großen deutschen Versandhändler geschafft, sich in Zeiten des E-Commerce zu behaupten, während seine ehemaligen Wettbewerber Quelle und Neckermann längst pleite sind. Mit einem Online-Umsatz von 1,7 Milliarden Euro steht Otto hierzulande auf Platz zwei der größten Webhändler, direkt hinter Amazon (4,8 Milliarden). Bis 2015 will Otto 300 Millionen Euro in den Ausbau des Online-Geschäfts stecken. Zudem ist die Otto-Gruppe einer der größten Inkubatoren im deutschsprachigen Bereich und weltweit mit rund 60 E-Commerce-Seiten aktiv.

Um auch künftig nicht den Anschluss an die Moderne zu verlieren, leistet Otto sich Paradiesvögel wie Michael Backes. Er selbst bezeichnet seine Position in der Firma mit "Crazy Scientist" und gibt sich redlich Mühe, jegliche Form von Statusdenken, Show und Eigenlob zu vermeiden. Lobgesänge überlässt er anderen: "Liquid Labs verfolgt einen interessanten Ansatz, Innovationen mit aggressiver Ausführung zu verheiraten", meint etwa das renommierte US-Blog Gigaom und vergleicht die Hamburger Firma gar mit den Google Labs. Die Backes-Truppe setze sich, so Gigaom, von den Firmenbrutkästen ab, die reihenweise Klone bestehender Geschäftsideen ausstoßen und der deutschen Gründerszene einen schlechten Ruf verschafften.

"Liquid Labs versucht, seine eigenen Ideen zu entwickeln, nicht die der anderen." Was also steckt hinter Liquid Labs? Die heute vierköpfige GmbH wurde Anfang 2012 von Paul Jozefak, 38, und Michael Backes, 36, gegründet und ist eine hundertprozentige Tochter des Otto-Konzerns. Sie scharren junge Internetwilde um sich, die eine Idee haben, eine Vision, aber noch keinen Businessplan. Mit einer Förderung von bis zu 250.000 Euro sowie mit Know-how, Logistik, Coaching und Hilfe bei der Mitarbeiter- und Partnersuche entwickeln die Leute von Liquid Labs und die Jungunternehmer gemeinsam eine Idee bis zur Marktreife. Schwimmen müssen die Neugründungen dann allein. Und zwar schnell. Drei Monate bekommt jedes Team Zeit, einen Prototyp herzustellen, weitere drei Monate später wird bilanziert: Hat das Angebot eine Chance auf dem Markt?

"In sechs Monaten muss ein Start-up stehen, oder es geht unter", sagt Backes. "Wenn man bis dahin nicht einen guten Businessplan, eine Zielgruppe, eine Marketingstrategie hat, dann kann man eigentlich gleich einpacken, weil man zu langsam für den Markt ist." Das gleiche Tempo gibt er auch für die Zusammenarbeit mit den Gründern vor: "Bei uns lernen die Leute so viel wie möglich in kurzer Zeit. Unser Ziel ist es nicht, sie so lange wie möglich zu binden. Wir wollen eine kurze, intensive Zeit zusammenarbeiten und dann wieder auseinandergehen. Wer dann nicht auf eigenen Beinen steht, muss sich etwas anderes ausdenken." Auf der Homepage liest sich die Firmenphilosophie so: "Wir glauben, dass du ,schnell scheitern' solltest."

Mit diesem Modell – einer Mischung aus Business Angel, Inkubator, Risikokapitalgeber und Konzernforschung – ist Liquid Labs laut Backes einzigartig in Deutschland. Und noch etwas anderes unterscheidet Liquid Labs von klassischen Inkubatoren: Es geht nicht in erster Linie um gewinnbringende Investments, sondern darum, Innovationen zu generieren, die dem Mutterkonzern dienlich sein können, und zwar aus dem Bereich Technische Produkte und Dienstleistungen für die Finanzindustrie. "Innovation as a Service" nennt Liquid Labs das.

Dass der gebürtige Amerikaner Michael Backes der richtige Mann für unkonventionelle Ideen ist, hat er in seinem Leben schon mehrfach bewiesen: Als er 1995 im Rahmen eines Praktikums die Plattform für ein Stromnetz entwickeln sollte, lachten ihn 20 hochkarätige Informatiker für seinen Vorschlag aus. Er bat um sieben Tage Zeit. Und weidete sich am Anblick der offenen Münder, als er nach sieben Tagen "eine schlecht designte, aber praktikable Lösung mit genauem Quellcode" angab. "Bis dahin war das Netz von mechanischen Geräten kontrolliert worden, das Konzept 'digital' war neu", sagt Backes. "Meine Lösung war wie eine Web-App heute. Wir haben damit fast drei Jahre Entwicklungszeit gespart."

Nicht zu verwechseln ist er übrigens mit dem gleichnamigen IT-Sicherheitsspezialisten aus Saarbrücken . Bevor Backes bei Liquid Labs einstieg, hat er für IBM eine E-Commerce-Plattform für Stromanbieter entwickelt, war in Shanghai im Innovation Camp, bei Nortel Test-Ingenieur und betreute bei Ottos Wagniskapital-Tochter e.ventures Investments aus der digitalen Umwelt. "Michael ist technisch brillant und bei den Informatikern höchst respektiert", sagt sein Geschäftspartner Paul Jozefak. "Alles, was die können, kann er auch. Nur schneller. Manager, die keine Ahnung von der technischen Seite haben, reichen da nie heran." Der gebürtige Slowake Jozefak selbst hat einen ähnlich bunten Lebenslauf: Er studierte eine Zeitlang Genetik, ist aber seit mehr als zehn Jahren in der Wagniskapital-Branche.

Gemessen am eigenen Anspruch, ein "experimentelles Spielfeld" zu sein, hat Liquid Labs bisher allerdings eher unglamouröse Ergebnisse ausgespuckt. Das erste Unternehmen unter ihren Fittichen nannte sich Mavendi. Es bot eine Plattform an, die Privatpersonen einen besseren Überblick über ihre Finanzen verschaffen sollte. Eine von vielen. Mittlerweile existiert Mavendi nicht mehr. Von den bisher sechs Gründerteams, denen Liquid Labs in seiner kurzen Firmengeschichte unter die Arme gegriffen hat, sind drei derweil auf Eis gelegt, aber die anderen haben immerhin schon die Arbeit aufgenommen:

- "Device Ident" will Online-Händler und -Dienstleister vor Betrug schützen, indem es unter anderem untersucht, mit welchen Endgeräten ein Kunde welche Transaktionen getätigt hat. Daraus erstellt ein Algorithmus automatisch ein individuelles Risikoprofil. Die Lösung wurde in nur sieben Monaten gebaut und gemeinsam mit Otto getestet. Im Januar 2013 ging das System in Betrieb. Backes beziffert den aktuellen Firmenwert auf 39 bis 50 Millionen Euro.

- "Kredibble" ist ein Finanzdienstleister, der Online-Händler kurzfristig und unkompliziert mit Krediten versorgt, um die Waren vorzufinanzieren. Seit April 2013 läuft das Geschäft.

- "Reskribe" nennt sich eine Plattform, welche die Verwaltung von Online-Abonnements vereinfachen soll. Auf dem Markt ist Reskribe seit Juli 2013.

Die drei Fälle zeugen zwar nicht von explodierender Kreativität in Bezug auf neue, exotische Geschäftsmodelle. Aber sie belegen, dass Liquid Labs tatsächlich in wenigen Monaten ein neues Unternehmen auf die Beine stellen kann. Fühlt sich Backes angesichts dieser Schlagzahl nicht manchmal wie in einem Hamsterrad? Das zu vermeiden hilft ihm neuerdings Piper, ein Zwergdackel.

"Der Hund bringt mir Rhythmus bei", sagt Backes. "Und das ist wichtig für meine Arbeitsweise. Ich weiß, dass ich am letzten Tag einer Frist die Lösung habe, da muss ich nicht alle anderen Tage zuvor Tag und Nacht damit verbringen. Mein Unterbewusstsein beschäftigt sich mit der Lösung, und wenn es so weit ist – habe ich sie."

Außerdem sei es hilfreich, dass in Deutschland die reine Anwesenheit am Arbeitsplatz keine so große Rolle spiele wie in den USA: "Wenn ich mit meinem Dackelwelpen zum Tierarzt will, sagt keiner etwas." In Amerika würde erwartet, dass man sich bis 22 Uhr zeigt. (bsc)