„Den Muskel des Urteilsvermögens trainieren“

Die Wirtschaftshistorikerin und Kunstkuratorin Sarah Lewis über die Bedeutung des Scheiterns und die Verbindung von Kunst und Wissenschaft als Weg zur Innovation.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Brian Bergstein

Die Wirtschaftshistorikerin und Kunstkuratorin Sarah Lewis über die Bedeutung des Scheiterns und die Verbindung von Kunst und Wissenschaft als Weg zur Innovation.

Zu großen Errungenschaften führt selten ein gerader Weg. Das gilt für technische Innovationen ebenso wie für Meisterwerke der Kunst. Im Gegenteil gehen kreativen Durchbrüchen oft krasse Fehlschläge voraus. Dieser an sich nicht neuen Erkenntnis geht die Wirtschaftshistorikerin und Kunstkuratorin Sarah Lewis von der Yale University in ihrem Buch „The Rise: Creativity, the Gift of Failure, and the Search for Mastery“ nach. Aufbauend auf 150 Interviews mit Künstlern, Wissenschaftlern, Unternehmern und Forschungsreisenden, ist das Buch weder ein Handbuch noch eine Sammlung von Fallstudien – eher ein langer Essay. Technology Review sprach mit Lewis über ihre Sicht auf das Scheitern, die Verbindung von Kunst und Wissenschaft sowie die wirklich wichtigen Voraussetzungen für Innovationen.

Technology Review: Wie man aus Fehlschlägen lernt, ist Gegenstand diverser Gemeinplätze und Universitätsansprachen. Auf den FailCon-Konferenzen geben Start-up-Gründer ihre Geschichten drüber zum Besten. Wie unterscheidet sich Ihre Herangehensweise an das Thema Fehlschläge?

Sarah Lewis: Es gibt Fehlschläge sehr unterschiedlicher Größenordnung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich einige Misserfolge im Silicon Valley als Fehlschlag bezeichnen würde. Ich verstehe darunter die Kluft zwischen dem Ort, an dem ich bin, und dem Ort, an den ich gelangen will. Je größer diese Kluft ist, desto mehr nennt man sie „Fehlschlag“ – je kleiner sie ist, desto eher bezeichnet man sie als etwas, das verbessert oder austariert werden muss. Eine Serie von fehlgeschlagenen Handlungen eines Unternehmens fühlt sich ganz anders an als ein ganzes Leben, das man als gescheitert empfindet.

Ich betrachte stattdessen die Bedeutung von Strukturen, aufgrund deren Menschen sich ins Verderben stürzen, sei es ein unternehmerisches Bemühen, sei es eine innovative Entdeckung.

TR: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Lewis: Andre Geim, ein Physiker an der University of Manchester, galt nicht als jemand, der je einen Nobelpreis gewinnen würde. Seine Experimente waren mitunter sehr sonderbar. So gewann er im Jahre 2000 den IgNobel-Preis für die Levitation eines Frosches mit Hilfe von Magneten. Doch 2010 folgte der Nobelpreis für die Herstellung der Kohlenstoffverbindung Graphen.

Geim hat mit Fehlschlägen zu tun: Die psychologische Frustration, die daraus entsteht, dass man nicht ernst genommen wird, war für Geim schwer auszuhalten, erforderte schon Mut. Seine Graphen-Arbeiten fanden in Freitagnacht-Experimenten statt, zu Zeiten, wenn er und sein Kollege sich im Labor frei fühlen konnten – und sie deshalb diese bahnbrechenden Entdeckungen machten. Geim ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein produktiver Prozess aus Fehlschlägen helfen kann.

Er tat aber noch etwas Ungewöhnliches: Er machte sich mit voller Absicht immer wieder zum Amateur, indem er ungefähr alle fünf Jahre das Arbeitsgebiet wechselte und sich auf die Expertise anderer Leute stürzte, auf die entsprechenden Konferenzen ging und Fragen stellte, die sich sonst keiner traute zu stellen. Dafür musste er allerdings in dem neuen Gebiet schnell Fortschritte machen, doch durfte er sich zugleich, wie er es beschreibt, nicht von seinen eigenen neuen Ideen abbringen lassen.

TR: Geim bewegte sich immerhin noch zwischen ähnlichen Gebieten. Anders als Samuel Morse, der den Telegraph erfand, nachdem er sich als Maler versucht hatte. Sie argumentieren aber, dass es eine enge Verbindung zwischen seiner Kunst und seiner Erfindung gab.

Lewis: Das Erfinden, ob mit Farben oder mit Drähten, war für Morse dasselbe. Wenige Menschen erkennen, wenn ein Kunstwerk sie bewegt, dass es eigentlich die Fähigkeit eines Künstlers zum Problemlösen – von langwierigen, zeitlosen Problemen – ist, die sie bewegt. Für Cezanne war das zum Beispiel die Wahrnehmung der Natur durch Farbe. 90 Prozent seiner Bilder hat er nicht signiert, weil er das Gefühl hatte, das Problem noch nicht gelöst zu haben. Für Beethoven ging es um Innovation mit einem ganz neuen Klang. All diese unterschiedlichen Werke sind Problemlösungen. Für manche gibt es keinen Unterschied zwischen einer Entdeckung in der Malerei und einer Entdeckung in der Technik.

TR: Sie gehen sogar so weit zu sagen, Kunst verstärke die wissenschaftliche Suche.

Lewis: Ich bin auf eine großartige Studie des Physiologen Robert Root-Bernstein von Michigan State University gestoßen. Er fand heraus, dass eine ungewöhnlich hohe Zahl von Nobelpreisträgern mit künstlerischen Neigungen diesen auch weiter nachgeht, wenn sie ihre Forschungsarbeit intensivieren.

TR: Was glauben Sie, woran das liegt?

Lewis: Die Kunst hilft uns, unseren „Muskel“ des Urteilsvermögens zu trainieren, unseren Handlungssinn zu stärken, so dass wir selbst entscheiden, wie wir ein bestimmtes Problem angehen. Vor allem in jungen Jahren befindet man sich in einem der wenigen Lebensalter, in denen noch kein Weg vorgezeichnet ist, auf den man zur Lösung eines Problems geschickt wird. Wenn Sie in einem Mathematikkurs damit beschäftigt sind, verschiedene Gleichungen zu lösen, gibt es eine Antwort, wie sie zu der Lösung kommen. Anders, wenn ich zum Beispiel eine wunderschöne Pflanze mit richtig dicken Linien zeichnen will. Der Lehrer kann hier nicht ankommen und sagen, „Weißt du, die Linien müssen dünner sein“. Hier gibt es kein „Muss“. Letztlich ist es der Person, die ein Werk schafft, überlassen, den Weg dorthin zu wählen. Und diese Handlungsbereitschaft ist die Voraussetzung für Innovation. (nbo)