Motorradtote ohne Hirn

Wie viele Fahrer sich im Frühjahr zu Tode stürzen, hängt primär vom Wetterverlauf des Jahresanfangs ab. Das wissen Polizei und Lokalpresse, ignorieren dieses Wissen jedoch, weil niederträchtiger Boulevard gut für die Auflage ist

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Der erste warme Sonnentag! Wheee!!
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Mann, Mann, Mann, jedes Jahr der gleiche Mist. Wenn es zum Jahresanfang – wie dieses Jahr – etwas wärmer als im Vorjahr war, folgen bald die Horrormeldungen in den Lokalzeitungen: 50 Prozent mehr Motorradtote! 100 Prozent mehr Motorradtote! 200 Prozent mehr! 1000 Prozent mehr! Einerseits könnte man sich die verbliebenen grauen Haare schon darüber ausreißen, dass die Sample-Größe oft genug einstellig war. Wenn in einem Jahr in Gemeinde X einer stirbt und im Jahr darauf zwei sterben, dann langt das für skandalträchtige 100 Prozent mehr, obwohl es jeder seriöse Statistiker als Rauschen verbuchen müsste. Dass aber der wichtigste Faktor komplett unter den Tisch gekehrt wird, das verbuche ich sowohl bei der Polizei als auch bei der Lokalpresse als pure Niedertracht. Denn die Zahl der Motorradtoten liegt primär schlicht am guten Wetter.

Ein Autofahrer versteht vielleicht nicht sofort, was gutes Wetter mit Verkehrstoten zu tun haben soll. Einkaufen oder zur Arbeit muss er ja bei jeder Witterung, und gutes Wetter macht die Fahrt nur sicherer. Aber Motorrad fährt man nicht, weil man muss, sondern weil man will. Plötzlich wird Wetter ungemein wichtig. Die Polizei weiß ganz genau, dass ein sonnig-warmer Tag genügt, um alle wintermüden Kradisten auf einmal aus ihrem Schlaf zu wecken. Mit viel Motivation, aber winterbedingt wenig Übung stürzen sie sich in die Kurven und manchmal auch vom Bock. Mehr Leute fahren mehr Motorrad mit weniger Fertigkeit, also passieren mehr Unfälle. Deshalb informiert die Polizei jedes Jahr zum Saisonbeginn, geht auf Infoveranstaltungen, übt sich generell in informativer Hilfestellung. Ihr ist also kristallklar, worum es geht. Nur wenn dann die Opferzahlen reinkommen, stellen sich alle blind und blöd. Oh! Wie kann das sein?! Gutes Wetter und mehr Stürze? Nein! Doch! Ooh!

Motorradtote ohne Hirn (3 Bilder)

Der erste warme Sonnentag! Wheee!!

(Bild: Honda)

Die Polizeipresseabteilung verwebt daraufhin ihre Standard-Textbausteine zur üblichen Meldung: „Motorradtote vervielfacht! Wir ermahnen! Wir kontrollieren außerdem Auspuffe.“ Ja, wirklich: Die Antwort dieses Jahr ist wieder verstärkter Kontrolleinsatz gegen Brülltüten. Von mir aus könnten sie die Brülltüten alle gesammelt verschrotten, aber lassen wir die Kirche doch bitte im Dorf: Ein lauter Auspuff hat noch keinen umgebracht. Es ist also Aktionismus, befreit von Sinn, unbelastet von Fakten, bar jeder Wirkung.