Das groĂźe Vergessen
Nun kann jeder bei Google um Löschen von Links bitten. Und die Bürger wollen löschen lassen. Lustig zu sehen, wie ein Konzern, der mit seiner Automatisierungswut immer mehr Jobs und damit Menschen überflüssig macht, nun Menschen brauchen wird, um über die Löschanträge zu entscheiden.
- Jens Lubbadeh
Nun kann jeder bei Google um Löschen von Links bitten. Und die Bürger wollen löschen lassen. Lustig zu sehen, wie ein Konzern, der mit seiner Automatisierungswut immer mehr Jobs und damit Menschen überflüssig macht, nun Menschen brauchen wird, um über die Löschanträge zu entscheiden.
So, nun hat Google also unerwartet schnell dem Urteil des EuGH gebeugt und den europäischen Bürgern ein Antragsformular für die Löschung unliebsamer Links aus dem Suchmaschinenindex zur Verfügung gestellt.
Und die Bürger wollen löschen – 12.000 Anträge gingen schon am ersten Tag ein.
"Bei der Umsetzung dieser Entscheidung werden wir jede Anfrage individuell prüfen und zwischen den Datenschutzrechten des Einzelnen und dem Recht der Öffentlichkeit auf Auskunft und Informationsweitergabe abwägen“, heißt es im Formular.
Ich kann mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen. Ein Konzern, der ja so ziemlich alles automatisiert, was zu automatisieren geht, von der Sprach- bis zur Gesichtserkennung, sieht sich nun einem bürokratischen Monster gegenüber, vor dem alle Prozessorpower und Servermacht kapitulieren muss. Google, das mit seiner Autmatisierungswut künftig immer mehr Arbeitsplätze obsolet machen wird, wird nun selbst wieder Menschen brauchen. Diese Löschwut wird Arbeitsplätze schaffen, denn Maschinen werden nicht prüfen können, „ob die Ergebnisse veraltete Informationen über Sie enthalten“, oder entscheiden können, „ob ein öffentliches Interesse an den Informationen besteht, zum Beispiel, ob es um finanzielle Betrugsfälle, Berufsvergehen oder Amtsmissbrauch, strafrechtliche Verurteilungen oder das öffentliche Verhalten von Regierungsbeamten geht.“
Das könnte im Einzelfall ziemlich aufwendig sein. Was heißt denn veraltet? Und vor allem, die Frage nach dem öffentlichen Interesse zu klären, könnte einiges an Rechercheaufwand bedeuten. Über neue Einnahmen dürften sich auch die Juristen freuen. Denn dass es eine Klagewelle von Leuten mit ablehnenden Google-Bescheiden geben wird, dürfte auch schon ausgemacht sein.
Das EuGH-Urteil ist eng zugeschnitten und nur ein erster Schritt hin zu einer „echten Vergessensfunktion“ von Daten, die das Netz bräuchte, um das Internet zu einem menschlicheren Raum zu machen. Aber es weist in die richtige Richtung und gibt den Menschen wieder etwas mehr Souveranität über ihre Daten, mit denen einige wenige Firmen wie Google viel Geld verdienen und Arbeitsplätze künftig obsolet machen werden.
(jlu)