Was die AfD und Facebook gemeinsam haben
Sie halten gesellschaftliche Probleme für Bugs, die mit mathematischer Logik zu beseitigen sind – und zeigen damit: Das digitale Zeitalter ändert unser Bild vom Menschen.
- Robert Thielicke
Sie halten gesellschaftliche Probleme für Bugs, die mit mathematischer Logik zu beseitigen sind – und zeigen damit: Das digitale Zeitalter ändert unser Bild vom Menschen.
Sieben Prozent holte die Alternative für Deutschland AfD hierzulande bei den jüngsten Europawahlen. Doch das Programm selbst war nicht der Grund, sondern das Versprechen von Parteiführer Bernd Lucke, logische Politik zu machen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb unlängst über ihn: „Lucke betrachtet Politik wie eine Mathematikaufgabe: Man muss nur alles exakt ausrechnen, dann kommt das richtige Ergebnis heraus.“ Die Wochenzeitung Die Zeit urteilte: „Luckes Ideologie ist der Glaube ans Expertentum; er entwertet das Politische und überhöht den Sachverstand, als könnte man alles auf eine mathematische Formel bringen.“
Der Wahlerfolg zeigt, dass diese Sichtweise weit mehr als eine Kuriosität ist. Sie ist das Zeichen eines neuen Menschenbilds. Getragen wird es von dem Glaube, Gesellschaften funktionierten wie ein Softwareprogramm, mit 0 und 1 als Alternativen und nichts dazwischen. Soziale Probleme sind ein Bug, für den es eine eindeutige Lösung gibt. Sie muss nur programmiert werden. Es ist das Menschenbild der digitalen Moderne.
Der Ansatz funktioniert wunderbar, solange es um Technologie geht. Langsam allerdings dringt der Glaube in gesellschaftliche Sphären vor, nicht zuletzt transportiert vom gigantischen Erfolg der Firmen um Facebook oder Google. Sie haben gezeigt, welche Macht Daten besitzen, sie haben den Algorithmus als gesellschaftliches Gestaltungswerkzeug hoffähig gemacht. Welche Folgen das hat, zeigt eine kleine Stadt in den USA: Newark.
Sie liegt nahe New York, hat 280.000 Einwohnern und 34 Morde auf 1000 Einwohner, dazu eine doppelt so hohe Kriminalitätsrate wie der US-Durchschnitt, Gangs auf den Straßen und ein dysfunktionales Schulsystem: In einem Drittel der Schulen konnten weniger als 30 Prozent ausreichend gut lesen. 2010 nahm Mark Zuckerberg sich vor, die Stadt zu einem Modellprojekt für eine exzellente Schulbildung zu machen. Er gründete eine Stiftung mit 100 Millionen Dollar, weitere 100 Millionen sollten von anderen Geldgebern kommen. In fünf Jahren sollten die Schulen von Newark nicht mehr wiederzuerkennen sein.
Die Beteiligten begannen das Unternehmen wie ein Start-up: Sie hatten einen Business-Plan, Geld und einen charismatischen Bürgermeister, der den Plan umsetzen wollte. Sie schlossen Schulen, eröffneten woanders neue, trennten sozial schwächere von engagierten Schülern, hungerten die öffentlichen Schulen aus und setzten auf private Anbieter. Was sie vergaßen: Dass sie keine Computer programmieren wollten, sondern Menschen. Und die funktionieren nach ihren eigenen Gesetzen. Für sie ist beispielsweise ein Schulweg nicht einfach nur eine Funktion der Distanz. Er ist eine ziemlich komplexe Gleichung, in die eingeht: Kommt das Kind auf dem Weg an Drogenhändlern vorbei? Passiert es gefährliche Gang-Gebiete?
Keine Schule lässt sich vom sozialen Umfeld ihrer Schüler trennen. Dieses Umfeld aber fragte niemand. Die Idee war stattdessen, die besten Konzepte aus den ganzen USA zu sammeln und auf Newark anzuwenden. 20 Millionen Dollar flossen in der Folge an Bildungs-Berater, PR-Manager und Datenanalysten, wie das Magazin The New Yorker in einem aufschlussreichen Bericht über das Projekt süffisant aufzählt. „Jeder wird bezahlt, aber Raheem kann immer noch nicht lesen“, zitiert das Magazin Vivian Cox Fraser, Präsidenten der Hilfsorganisation Urban League of Essex County. Die Zeitschrift zieht folgendes Fazit: „Cory Brooker, Chris Christie und Mark Zuckerberg hatten einen Reformplan für Newarks Schulen. Sie erhielten eine Lektion.“ Verändert hat sich etwas, aber verbessert hat sich nichts.
Daten und Algorithmen können die Lebenssituation vieler Menschen verbessern, weil sie fundierte Entscheidungen ermöglichen. Keine Frage. Aber sie können es nicht tun, wenn die Menschen selbst in der Rechnung nicht auftauchen. Politik ist nicht deshalb kompliziert, weil Politiker sie kompliziert machen. Sondern weil die Gesellschaft kompliziert ist.
Würde nur die AfD und Mark Zuckerberg das anders sehen, könnte man es dabei belassen. Das aber ist nicht der Fall. Eine ganze Riege von Forschern wollen Gesellschaften nach naturwissenschaftlichen Regeln ordnen. Algorithmen sollen das Verhalten der Menschen nicht nur vorhersagen, sondern auch verändern. Internet-Vordenker Evgeny Morozov hat darauf in einem aktuellen Essay für Technology Review hingewiesen. Social Physics heisst daher sehr treffend ein Buch von Alex Pentland, Data Scientist am Massachusetts Institute of Technology. Pentland weiß sehr wohl, dass derartige Analysen keine eindeutigen Antworten auf gesellschaftliche Fragen geben können, sondern immer nur Entscheidungshilfen sein werden. Aber derartige Nuancen haben es erfahrungsgemäß schwer. Der Glaube an die eindeutige Wahrheit ist zu verführerisch. Die Gefahr des digitalen Menschenbilds liegt nicht darin, dass es wahr ist – sondern dass es für wahr gehalten wird. Die Frage ist: Merken wir den Fehler früh genug, um größeren Schaden abzuwenden? Oder werden wir alle erst unser Newark erleben? (rot)