20 Jahre USK: Von BloodNet zur Online-Spiele-Kontrolle
37.500 Computerspiele hat die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) seit ihrer GrĂĽndung 1994 geprĂĽft und mit Alterskennzeichen versehen. Nun will die Institution das Verfahren international und internettauglich machen.
Mit einem "geheimen Anruf" habe alles angefangen, plauderte Jürgen Goeldner, langjähriger Vorsitzender des Verbands der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD), am Donnerstag zur Feier des 20. Geburtstag der USK in Berlin aus dem Nähkästchen. Ein Vorläufer der heutigen Netzpolitiker, dessen Identität er nicht lüften dürfe, habe damit die Hersteller von Computerspielen nach Berlin geholt. Vorher sei Medienpolitik nur Ländersache gewesen.
Von den zuständigen Ministerpräsidenten habe man sich einiges anhören müssen, erklärte Goeldner. "Wir waren die unseriöse Branche", die heute mehr Umsatz mache als die Filmindustrie. Anfangs sei die Filmwirtschaft auf die Hersteller von Videospielen zugekommen und habe damit geworben, "wir können das für euch prüfen". Bei einem Testlauf sei aber nur der Hinweis zurückgekommen: "Ihr müsst an diesen Stellen schneiden."
Das erste von der 1994 ins Leben gerufenen USK geprüfte Spiel, das Cyberpunk-Adventure BloodNet, sei tatsächlich noch anhand eines Videos des Spielverlaufs diskutiert worden, berichtete der USK-Geschäftsführer Felix Falk. Die Beteiligten hätten aber schnell gemerkt, dass ein Game für eine Alterseinstufung vorgespielt werden müsse. Zehn "Sichter" seien dafür inzwischen zuständig, die Spiele dann den Altersstufen 0, 6, 12, 16 und 18 zuzuordnen.
Zum kuriosesten Titel hat die USK die Simulation "Gabelstapler des Todes" gekĂĽrt. Deren Zielgruppe sei nach wie vor nicht auszumachen, meinte Falk. Wie das gesamte Genre verkaufe sich das mit einer 16 gekennzeichnete Spiel aber ganz gut hierzulande. Unvergesslich sei auch geblieben, dass ein Game nur aus einem Koffer heraus habe getestet werden dĂĽrfen, der mit Handschellen an einen Mitarbeiter der Produktionsfirma gefesselt gewesen sei.
Für Caren Marx, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, zeigen "die vielen Altersfreigaben ab Null oder sechs Jahren, dass Spiele nicht nur Kampf und Blut, sondern "Vielfalt" seien. Anfangs seien die USK-Kennzeichen "nicht mehr als Empfehlungen" gewesen, führte die SPD-Politikerin aus. Seit Inkrafttreten des Jugendschutzgesetzes 2003 gälten sie aber als verpflichtende Alterseinstufungen und müssen auf Verpackungen und Datenträgern deutlich erkennbar sein. Jugendschutz habe hierzulande schließlich Verfassungsrang.
Das USK-Verfahren lobte Marx als eines der besten Systeme weltweit. Es sei "am bekanntesten bei Eltern und Nutzern" und so auch das wirkungsvollste. Marx zeigte sich besorgt darüber, dass das Internet und die Smartphone-Welt die Kontrolle erschwerten, obwohl diese auch im vernetzten Zeitalter notwendig bleibe. Vielen sei "unverständlich, dass Beschränkungen gerade online umgangen werden können".
Vor allem Eltern wollten "technische Hilfen, am besten fest in Computer oder Handys eingebaut", warb Marx dafür Filter auf Systemen und Plattformen im nach dem Prinzip "Safety by Design" vorzuinstallieren. Die Regierungsvertreterin hält dafür einen "Entwicklungsfonds" für nötig, bei dem sich vor allem Firmen engagieren müssten, die am meisten vom Freigabeverfahren profitierten.
Bisher müssen Browser-Games und Spiele-Apps nicht von der USK geprüft werden. Diesen Bereich wie die USK jetzt aber unter die Fittiche nehmen, dabei hofft sie auf politische Unterstützung. Um ein netztaugliches Verfahren für die internationale Vermarktung von Spielen ohne festen Datenträger zu entwerfen, haben sich Falk zufolge führende Jugendschutzeinrichtungen in den USA, Europa und Deutschland zur International Age Rating Coalition (IARC) zusammengeschlossen.
Derzeit werde eine erste Version für Firefox getestet, die auch in App Stores integriert werden könne, erläuterte der USK-Chef. Wenn ein Nutzer aus Deutschland Webseiten oder Shops aufsuche, sehe er seit Anfang des Jahres auch die Altersbewertung der USK und die Kriterien, die zur Einstufung geführt haben. Auf den meisten Systemen könnten Eltern damit auch bereits integrierte Jugendschutzprogramme so einstellen, dass Kinder nur bis zu 12er-Kennzeichen spielen könnten.
Ein Entwickler müsse einen IARC-Fragebogen ausfüllen, bevor seine App in einem Store gelistet werde. Anhand der Antworten auf die vorgegebenen unterschiedlichen Kriterien werde dann automatisch die passende Altersstufe für die jeweilige Region generiert. Dabei könne für die USA etwa eine 12, für Deutschland aber eine 16 herauskommen.
"In den ersten Pilotwochen sind allein bei der USK bereits mehrere tausend Spiele durchgelaufen, mehr als traditionell in einem ganzem Jahr", betonte Falk die Leistungsfähigkeit des Verfahrens. Sony, Microsoft und Nintendo hätten schon zugesagt, das System auf allen ihren Plattformen zu installieren. Derzeit arbeitete die IARC daran, auch die Anbieter wie Amazon und Apple davon zu überzeugen. Nur die hiesige Gesetzeslage hindere die USK noch daran, die Lösung aus Deutschland heraus entscheidend mitzugestalten. Umstrittene Eckpunkte für eine Reform des Online-Jugendschutzes haben die Bundesländer vor Kurzem zur Diskussion gestellt. (anw)