OSMB 2009: Open Source trotzt der Wirtschaftskrise

"Nur unter den Bedingungen der Offenheit von Standards, Quellcodes und Gedanken gibt es auf Dauer Bewegung im Softwaremarkt", heißt es im Programmheft der vierten "Open Source Meets Business".

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Chairman Richard Seibt eröffnet die OSMB 2009.

"Nur unter den Bedingungen der Offenheit von Standards, Quellcodes und Gedanken gibt es auf Dauer Bewegung im Softwaremarkt", heißt es im Programmheft des Kongresses "Open Source Meets Business" (OSMB, der im Januar 2009 zum vierten Mal in Nürnberg stattfand. Chairman Richard Seibt griff dieses Postulat in seiner Begrüßungsrede auf und spitzte den Kongresstitel kurzerhand auf die Formel "Open Source Is Business" zu.

Die Übersetzung: Was aus nicht gewinnorientierten Gruppierungen, aus Communities, heraus entstanden ist, bildet mittlerweile die Grundlage für Software- und Services-Geschäftsmodelle. Diese Transformation der Open-Source-Idee ins Geschäftliche schlug sich in dreifacher Hinsicht im Kongressprogramm von OSMB nieder:

  • im Investment Summit, der einerseits die Potenziale des Open-Source-Marktes aus Investorensicht auslotete, anderseits – interessant für Unternehmensgründer und -entwickler – Finanzierungsalternativen zur Diskussion stellte;
  • im Technology Summit mit Updates und Neuerungen aus der Entwicklung von Open-Source-Projekten, sowohl im Community- als auch im kommerziellen Rahmen;
  • im Enterprise Summit, der sich mit Vorträgen zum erfolgreichen Einsatz von Open-Source-Software in Unternehmen aus Industrie, Finanzsektor, Medien und anderen Branchen – sowie natürlich aus dem Öffentlichen Sektor – dem Anspruch stellt, den Beweis der Enterprise-Tauglichkeit der Open Source zu erbringen.

Larry Augustin: "The future of software is Open Source"

Larry Augustin, Privatinvestor in eine Vielzahl von Open-Source-Unternehmen (Appcelerator, Compiere, DeviceVM, Dotnetnuke, Fonality, Hyperic, Medsphere, Pentaho, SugarCRM), setzte als Eröffnungsredner einen überraschenden Punkt, indem er die Investition in Open-Source-Software mit dem Kauf von IBM-Produkten in der Frühzeit der EDV verglich: So wie seinerzeit niemand dafür gefeuert worden sei, IBM gekauft zu haben, müsse sich heute kein IT-Entscheider Sorgen machen, der auf Open Source setzt. So nutzen laut Augustin 80 Prozent der 1000 umsatzstärksten Unternehmen weltweit das Betriebssystem Linux. Und "selbst Gartner", so Augustin süffisant, prognostiziere mittlerweile, dass bereits 2010 vier von fünf kommerziellen Softwareprodukten "Open-Source-Elemente" enthalten würden. Fazit des Redners: Open Source sei eine "sichere Wette".

Das gelte um so mehr unter den Bedingungen der globalen Wirtschaftskrise, so die These von Ingres-Finanzchef Tom Berquist und Sacha Labourey, CTO der JBoss-Division von Red Hat. Von einem verlässlichen und skalierbaren Open-Source-Stack aus Betriebssystem, Middleware und Datenbank, in Verbindung mit für unternehmenskritische Anwendungen geeigneten Support-Leistungen, würden sowohl Anwenderunternehmen als auch Software- und Systemhäuser profitieren. Unternehmen, die jetzt den Mut zum strategischen Schwenk in Richtung Open-Source-Stack aufbringen, könnten so ihren Marktwert – antizyklisch – steigern, so die mutige Aussage von Berquist und Labourey.

So weit muss man gar nicht gehen, um festzustellen, dass der über dem IT-Branchendurchschnitt liegende Optimismus im Open-Source-Markt begründet ist: Mehr interessante Start-ups als je zuvor bewarben sich um den Open Source Business Award (OSBA) . Und die Qualität der Präsentationen – am Abend des ersten Kongresstages im Nürnberger Rathaus prämiert – setzte die Juroren immerhin einer so großen Qual bei ihrer Wahl aus, dass sie den ersten Platz doppelt besetzen mussten.

Die Zuversicht in der Open-Source-Branche begründet auch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage von heise Open, gemeinsam mit dem Ulmer Softwarehaus Wilken durchgeführt: Danach spielt Open-Source-Software in mehr als 80 Prozent aller Unternehmen eine wichtige Rolle. Mehr noch, wie heise-Open-Chefredakteur Oliver Diedrich bei seiner Präsentation der Studie am ersten Kongresstag auf dem Investment Summit in Nürnberg verdeutlichte: Gut 40 Prozent aller befragten Unternehmen (1312 Umfrageteilnehmer) bezeichnen den Einsatz von Open-Source-Software in ihrem Bereich gar als "unternehmenskritisch". heise Open plant, die Umfrage ab jetzt jährlich durchzuführen, um künftig belastbare Trendaussagen machen zu können.

OSMB 2009: Gut besucht trotz Wirtschaftskrise

Im Technology Summit zog das Thema Cloud Computing starke Aufmerksamkeit auf sich. Allein im Keynote-Bereich befassten sich zwei Vorträge mit dieser auf Skalierbarkeit ausgerichteten Art des Einsatzes von IT-Ressourcen: Für Rafael Laguna de la Vera, CEO von Open-Xchange, ist das unaufhaltsam steigende Kommunikationsvolumen im Internet der stärkste Treiber des Cloud Computing. Die am besten geeignete technische Grundlage dafür, zeigte sich Laguna überzeugt, sei Open-Source-Software. Und Uwe Heckert, Mitglied im Management Committee IT Operations von T-Systems, sieht Cloud Computing als logische Fortentwicklung traditioneller Outsourcing-Konzepte, mit Vorteilen in puncto Kosteneffizienz und Skalierbarkeit.

Ein Highlight des Enterprise Summit war der Vortrag von Elmar Helten, Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums. Unter der Leitung des emeritierten Wirtschaftswissenschaftlers entwickelt das BFZ "Prometheus", eine offene Plattform für Makler, Maklerverbünde, Versicherungsgesellschaften und IT-Dienstleister, die Vertrieb und Verwaltung von Versicherungsprodukten standardisiert und dadurch für mehr Transparenz im Markt für Finanzdienstleistungen sorgen will. Als sehr spannend erwies sich auch die Zwischenbilanz nach drei Jahren strategischen Open-Source-Einsatzes im Bahn-Konzern, die Ingo Schwarzer von DB-Systel, der IT-Service-Tochter des Logistik- und Mobilitätsanbieters, zog. Die Bahn hatte 2006 ihre Sparc-Solaris-Systeme abgelöst und durch x86-Hardware unter Linux ersetzt.

Raum für Gespräche neben den Vorträgen

Gesprächsstoff gab es freilich auch außerhalb der Keynotes, zum Beispiel das Thema Hochverfügbarkeit und Virtualisierung. In einer Reihe von Vorträgen wurde die Verfügbarkeit virtueller Systeme (Xen) systematisch quantifiziert. Hier wurde nach vielfach geäußerter Meinungen deutlich, welchen Einfluss Open-Source-Anwendungen in der Königsdisziplin geschäftlicher IT-Anwendungen gewonnen haben. Vieles deute darauf hin, so der Moderator des betreffenden Tracks, Thomas Jannot, dass Hochverfügbarkeit sich zu einer Open-Source-Domäne entwickelt.

Was im Gedächtnis haften bleibt von der vierten Auflage von Open Source Meets Business, sind neben den Vorträgen und Workshops auch Gespräche, deren Intensität dadurch gefördert wurde, dass der Kongressbereich 2009 nach dem Unzug vom CCN Ost ins westliche Kongresszentrum kleiner und überschaubarer war als in den Vorjahren. Dass – wohl konjunkturbedingt – die Zahl der Besucher etwas unter der der Vorjahre lag, wirkte sich deshalb nicht negativ auf die Atmosphäre aus.

Fazit: Die Branche ist längst noch nicht an dem Punkt angelangt, wo kein Raum mehr für Visionen ist, wo Open Source im grauen Alltag des RoI-Diktats untergeht. Im Gegenteil: Kaum eine Art der strategischen IT-Planung bietet so großen Gestaltungsspielraum. Wie OSMB-Chairman Seibt konstatierte, hat sich Open-Source-Software im Stack wieder ein Stück nach oben ausgebreitet, von der Infrastruktur über die Datenbanken und Entwicklungsumgebungen in Richtung der – auch unternehmenskritischen – Anwendungen.

Die Prognose liegt deshalb nahe: Je enger diese Annäherung an das Business wird, desto weniger ist Open-Source-Software beziehungsweise ihre Besonderheit hinsichtlich Entwicklung und Lizenzierung ein Thema an sich. Wenn Open-Source-Software sich von traditionell lizenzierter Software absetzen will, dann muss sie sich im Wettbewerb mit dieser den zunehmend scharfen Auswahlkriterien von IT-Entscheidern unterziehen, muss bei der Qualität und, in der Krise natürlich mehr denn je, bei den Kosten Punkte machen. Die Chancen stehen gut, dass der Branche das gelingt. (Heinrich Seeger) (odi)