Die Woche: Der nächste Schritt für Open Source
Open Source und SOA, da kommen in der jüngsten Ankündigung von Red Hat gleich zwei aktuelle Buzzwords zusammen. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Businessprozesse statt Technik.
Red Hat hat diese Woche eine große JBoss-Offensive angekündigt: Mit den Produkten des im vorigen Jahr übernommenen Middleware-Hersteller möchte man den eigenen Open-Source-Stack um Lösungen zum Aufbau einer Service-orientierten Architektur erweitern.
Die in JBoss Enterprise Platform umbenannte JBoss Enterprise Middleware soll Red Hat nun den SOA-Markt öffnen und den eigenen Open-Source-Stack nach oben ausbauen. Die Vision des Open-Source-Spezialisten: So, wie Unternehmen durch den Umstieg von teuren, proprietären Unix-Systemen auf Linux (ein Kerngeschäft von Red Hat) Geld gespart haben, sollen sie jetzt ihre teuren, proprietären Business-Anwendungen durch eine offene service-orientierte Architektur auf JBoss-Basis ersetzen – SOA interpretiert Red Hat in diesem Zusammenhang als Simple, Open, Affordable.
Die Umbenennung der JBoss-Software ist dabei mehr als nur Kosmetik. Während JBoss bei der Entwicklung und Vermarktung bislang vor allem Features der eigenen Produkte im Blick hatte, will man jetzt Pakete schnüren, die bestimmte Use Cases bedienen, erklärte Sacha Labourey, Red-Hat-Vizepräsident und CTO bei JBoss, im Gespräch mit heise open. Die feature-orientierte Präsentation habe vor allem technische Anwender angesprochen, dem breiten Markt würden aber eher konkrete Anwendungsfälle gerecht.
Red Hat erschließt sich so ein neues Feld: Viele Unternehmen leider unter ihrer gewachsenen Software-Landschaft, in der verschiedene Anwendungen mehr schlecht als recht nebeneinander arbeiten. Zu den lästigen Folgen gehören die redundante Datenhaltung auf verschiedenen Systemen, aufwendig zu wartende Ad-hoc-Lösungen zum Zusammenführen unterschiedlicher Datenquellen und eine allgemeine Unübersichtlichkeit, wo und wie welche Information zu finden ist. SOA verspricht hier Abhilfe durch eine Integration von Anwendungen, die sich an den Geschäftsprozessen orientiert.
Business statt Technik
Und genau hier liegt der Knackpunkt. Bislang bestand Red Hats Open-Source-Stack aus Software auf der Infrastruktur-Ebene: Das Betriebssystem Red Hat Enterprise Linux natürlich, Kernprodukt der amerikanischen Firma, mit Erweiterungen zum Bau von Hochverfügbarkeits-Clustern (Cluster Suite) samt verteiltem Dateisystem (Global File System, GFS) sowie einem Directory Server. Darauf aufsetzend der Red Hat Application Stack, bestehend aus den Datenbanken MySQL und PostgreSQL, dem Webserver Apache und dem JBoss Application Server.
Mit diesem Baukasten Lösungen für Kunden zu entwickeln, erfordert vor allem technisches Know-how wie das Anpassen von Linux an spezifische Hardware, das Feintuning von Datenbank, Web- und Application Server an die konkreten Anforderungen oder die Konzeption einer ausfallsicheren Server-Konfiguration. Hier hat Red Hat in den vergangenen Jahren seine Kompetenz unter Beweis gestellt und sich einen guten Ruf erarbeitet.
Bei SOA kommen allerdings ganz andere Anforderungen ins Spiel: die firmenweite Analyse von Geschäftsprozessen, die Integration bestehender Alt-Anwendungen und -Datenbestände, die Entwicklung von prozessorientierten Komplettlösungen. Diese Aufgabe, so Labourey, will Red Hat seinen Partnern überlassen. Sein Unternehmen sieht er eher als Lieferant der Technologie, mit der Partner wie Accenture oder die auf einige Branchen spezialisierte Vitria integrierte Lösungen bauen.
Dennoch muss sich Red Hat jetzt als glaubwürdiger Mitspieler bei der Umsetzung von Business-Prozessen in IT beweisen. Und ob sich die Vorteile des Umstiegs auf offene Software hier so leicht kommunizieren lassen wie bei der Unix-Linux-Migration? Dass Linux bei der Ablösung von proprietären Unix-Versionen so erfolgreich ist, liegt ja vor allem am Geld: dem Geld nämlich, dass man spart, wenn man teure, proprietäre RISC-Hardware durch billige x86-Rechner ersetzt. (odi)