Die Woche: Microsoft und Open Source
Microsoft fördert Open-Source-Projekte, legt die Quelltexte von .NET offen und ist zu einem der größten Linux-Distributoren geworden. Neues Denken in Redmond?
Das gängige Klischee sagt: Microsoft benutzt seine Marktmacht, um Konkurrenten vom Markt zu drängen. Genau mit diesem Argument hat der europäische Gerichtshof entschieden, dass das von der EU-Kommission gegen Microsoft verhängte Bußgeld samt Verpflichtung zur Offenlegung von Schnittstellen rechtmäßig ist.
Gegen Open Source scheint diese Strategie allerdings nicht so recht aufzugehen, auch wenn Samba-Sponsor Sernet das Urteil zum Anlass genommen hat, die Offenlegung der Microsoft-Netzwerkprotokolle zwecks Verbesserung der Interoperabilität zwischen Samba und Windows zu fordern. In vielen Bereichen haben die Redmonder einsehen müssen, dass man nur einer unter mehreren Mitspielern ist und sich besser den Bedingungen am Markt anpasst, als nach unbedingter Marktdominanz zu streben. Interessanterweise sind das vor allem Bereiche, in denen die Konkurrenz aus der Open-Source-Richtung kommt.
So hat das Unternehmen diese Woche angekündigt, ein Open-Source-Projekt zu unterstützen, das eine freie PHP-Schnittstelle für Microsofts Identitätssystem CardSpace – genauer: eine Bibliothek zum Umgang mit Information Cards – entwickeln soll. Am Rande erfährt man, dass andere Open-Source-Projekte bereits an Java- und Ruby-Schnittstellen für Information Cards arbeiten – ebenfalls mit Microsoft-Unterstützung.
Microsofts .NET ist eben nur eine unter mehreren Optionen für Webentwickler. Hier ordnet das Unternehmen seine Abneigung gegen Open Source den Zwängen des Markts unter. Nicht nur, dass man die Open-Source-Konkurrenz mit Schnittstellen versorgt, man spielt auch nach den dort herrschenden Regeln: Als Closed Source dürften die PHP-, Java- und Ruby-Schnittstellen für CardSpace kaum auf Akzeptanz unter Entwicklern hoffen.
Im Bereich Webentwicklung ist der Druck offenbar so groß, dass Microsoft selbst einen halben Schritt in Richtung Open Source macht und die Quelltexte von .NET offenlegt. Nicht als Open Source im Sinne von GPL oder OSI: Änderungen am Code, gar das Weiterverbreiten geänderter Versionen ist ausdrücklich verboten. Aber Entwickler schätzen es, wenn sie merkwürdige Fehler bis in die verwendeten Bibliotheken verfolgen können. Hier hat Open Source einen natürlichen Vorteil, den man so zumindest ein Stück weit ausgleichen kann. Man wird sehen, ob das den Entwicklern reicht oder ob Microsoft irgendwann den Schritt zu echter Open Source wagen muss.
Dass Microsoft zu einem der größten Linux-Distributoren geworden ist, zeigt, wie pragmatisch die Redmonder mittlerweile auf die Open-Source-Konkurrenz reagieren (siehe auch den Artikel Microsofts Open-Source-Strategie). Dort, wo die Entscheidung für das freie Betriebssystem sowieso schon gefallen ist, bietet man lieber ein Microsoft-geprüftes Linux mit Garantie auf Windows-Interoperabilität an, als die schon verlorene Schlacht um ein "Windows-only-Rechenzentrum" zu schlagen. Was Steve Ballmer freilich nicht daran hindert, wegen der angeblichen Verletzung von MS-Patenten lautstark gegen Linux zu wettern.
Bleibt noch eine Meldung dieser Woche zu kommentieren: Bill Hilf, gestartet als Leiter des Microsoftschen Linux- und Open-Source-Labors, ist seit neuestem nicht nur General Manager für Plattformstrategien und für die Zusammenarbeit mit Open-Source-Projekten zuständig, sondern jetzt auch für das Windows-Server-Marketing verantwortlich. Ein normaler Karriereschritt? Nicht ganz: Ausgerechnet Hilf war derjenige, der nach den unbestimmten Drohungen mit angeblich 235 durch Linux verletzten MS-Patenten erklärte, sein Unternehmen werde keine Klagen gegen Linux-Anwender anstrengen.
Von Sun bis Oracle haben sich immer mehr Softwarehersteller Richtung Open Source bewegt – mal deutlicher, mal weniger entschieden. Vielleicht ist auch bei Microsoft allmählich die Zeit für neues Denken gekommen? (odi) (odi)