Technisch kompetent. Sozial inkompetent.
Sie sind heißbegehrt: technikversierte, junge Menschen mit abgeschlossenem Studium, die wissen, wie es sich zu benehmen gilt. Können Knigge-Pflicht-Kurse helfen oder jagen Unternehmen einer Illusion nach?
- Hedwig Unterhitzenberger
Sie sind heißbegehrt: technikversierte, junge Menschen mit abgeschlossenem Studium, die wissen, wie es sich zu benehmen gilt. Können Knigge-Pflicht-Kurse helfen oder jagen Unternehmen einer Illusion nach?
Auch Nerds müssen sich der sozialen Etikette anpassen. Denn Unternehmen wollen Nachwuchskräfte mit technischen und sozialen Fähigkeiten. Um die Chancen der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, bieten immer mehr Hochschulen und Universitäten Benimm-Kurse für Techniker an, manchmal sogar verpflichtend. Komplett verkehrt ist das nicht, allerdings wird der typische Techniker nie mit dem typischen BWL-Studenten mithalten können.
Benimm-Kurse begleitend zum Studium gibt es schon einige Jahre. Vorreiter war das Massachusetts Institute of Technology: Bereits 1993 fand dort für Studenten das erste Seminar der „Charm School“ statt und wird seitdem jährlich angeboten. „Mit Erfolg“ schreiben sie auf ihrer Homepage, denn die Teilnehmer gingen mit Begeisterung an die Sache heran und die Atmosphäre sei sehr ungezwungen.
Nach Deutschland wandert der Trend seit der Jahrtausendwende langsam aber sicher über. Allmählich werden die Kurse zum Pflichtprogramm für die, die es offenbar nötig haben. Das Zentrum für Sozialkompetenz der Technischen Universität (TU) München hat bereits 2008 eingeführt, dass alle angehenden Ingenieure dort Seminare belegen müssen, um zur Prüfung zugelassen zu werden.
An der TU München gibt es vier Pflichttermine und nebenbei E-Tutorials. Die Seminare seien eine nette Abwechslung, sehr praxisnah und man werde auch auf Teamentwicklung oder das richtige Vortragen vorbereitet, erzählt Felix, der im zweiten Semester Maschinenbau studiert. „Die Benimm-Regeln hingegen – also wie man beim Essen Messer und Gabel benutzt, wer wen grüßt oder wer wo sitzt – musste ich vom Blatt lernen und dann online Fragen dazu beantworten“, erklärt Felix wenig begeistert.
Für mich sind solche Knigge-Kurse sinnvoll, wenn die Inhalte in einem Workshop vermittelt werden. Dabei kann die lockere Atmosphäre unter anderen Studenten durchaus helfen und Fehler sind nicht so peinlich wie im Ernstfall. Allerdings sollten sich Unternehmen nicht zu viel erhoffen: Denn aus einem schüchternen Technik-Sympathisanten, für den Förmlichkeit und soziale Regeln einen geringeren Stellenwert haben, schafft eine mehrstündige oder mehrtägige Schulung noch lange niemanden, der sicher im Umgang mit Menschen ist. Dafür hat er eben fachliches Know-how zu bieten. (jlu)