Visite mit Google

Seit Mitte Mai ist Google Glass in den USA erhältlich. Google hoffte auf den Endverbraucher als Käufer. Nun zeigt sich: Viel begeisterter sind Profis – zum Beispiel Mediziner.

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Von
  • Niels Boeing

Seit Mitte Mai ist Google Glass in den USA erhältlich. Google hoffte auf den Endverbraucher als Käufer. Nun zeigt sich: Viel begeisterter sind Profis – zum Beispiel Mediziner.

Wer als Normalsterblicher die Google Glass aufsetzt, ist erst einmal beeindruckt. Plötzlich schweben Nachrichten im Sichtfeld, dezent in der Ecke oben rechts platziert. Ein kurzer Sprachbefehl lässt die Datenbrille ein Foto schießen.

Seit Mitte Mai ist die Google Glass nun in den USA für jeden zu kaufen. Doch die erste Faszination ist verflogen. Datenschützer warnen vor ihr als neuem Überwachungstool, Technikentwickler bemängeln die Ausstattung, Ästheten ein lächerliches Design. Für ihre Kritiker ist damit jetzt schon klar: Google Glass ist ein Fehlstart, und ein Triumphzug wird daraus nicht mehr.

Dennoch wird die Datenbrille mehr als eine Episode sein. Entwickler und Hacker haben sich längst auf das Gerät gestürzt und kommen fast wöchentlich mit neuen Anwendungen heraus. Auch wenn Glass noch wie ein einfacher Prototyp wirkt, dessen Android-Betriebssystem und Akkulaufzeit trotz eines Updates im April beschränkt sind: Die Vorstellung, Daten abrufen zu können und zugleich die Hände frei zu haben, elektrisiert viele Branchen.

Vor allem die Medizin hat sich auf Glass eingelassen. In US-Krankenhäusern experimentieren derzeit Ärzte mit der Datenbrille, um im Operationstraining Informationen über dem behandelten Körperteil einzublenden. Oder sie greifen auf Patientenakten zu, die bislang nur per Tablet-Rechner zugänglich waren. Dass der Glasbalken vor dem Auge eines Doktors den Patienten stören könnte, glaubt Karandeep Singh, Nierenfacharzt am Brigham and Women's Hospital in Boston, nicht.

Im Gegenteil: Die Datenbrille könnte eine Entwicklung rückgängig machen, mit der ein Teil der ärztlichen Kunst verloren gegangen sei. "Seit der Einführung elektronischer Patientenakten setzen viele Ärzte heute einen Blick in die Akte schon mit einer Visite gleich", sagt Singh. Mit Google Glas dagegen wäre beides zu gleicher Zeit möglich: ein Blick in die Akte und der Besuch am Bett des Patienten. Genauer müsste man hinzufügen: mit einer künftigen Version von Glass.

"Von all den verfügbaren medizinischen Informationen ist nur ein kleiner Teil für den Arzt sichtbar, das Glass-Display hat einfach nicht genug Pixel", sagt David Sontag, ein Informatiker an der New York University, der an einem Pilotprojekt im Bostoner Beth Israel Deaconess Medical Center mitarbeitet. Das Datenschutzproblem hingegen haben die Ärzte dort auf ganz einfache Weise gelöst: Sie haben die Videofunktion deaktiviert.

Andere dagegen versprechen sich gerade von dieser Funktion einiges. Das Basketballteam der Indiana Pacers zeigt in einem eigenen Projekt, wie Glass ein Werkzeug für Bürgerreporter werden könnte. Sie testen eine Übertragung von Spielen aus Sicht der Zuschauer. Anfangs sollen Prominente einen Streaming-Kanal eröffnen dürfen, später auch Fans. Auch in die Hochkultur könnte die Datenbrille Einzug halten, glauben die Carnegie-Mellon-Informatiker Thomas Rhodes und Samuel Allen. Opernhäuser wie die Met und Theater arbeiten seit Jahren mit sogenannten Übertiteln, die etwa fremdsprachige Inszenierungen auf Displays über der Bühne oder in der Rückenlehne der Sitze übersetzen.

Das könnte irgendwann auch die Glass liefern. Dass in der Simultanübersetzung von Texten oder auch Schildern im öffentlichen Raum ein erhebliches Potenzial für Glass liegt,hat offenbar auch Google erkannt. Im März übernahm der Konzern die Firma Quest Visual, die die Übersetzungs-App Word Lens entwickelt hat. Wirklich ernst wird es, wenn Polizeieinheiten in Dubai und New York ihren Plan umsetzen: Sie wollen testen, wie Glass Beamte im Einsatz unterstützen könnte. So ließen sich bei gefährlichem Verkehrsverhalten Nummernschilder erfassen und in Echtzeit mit der Datenbank von Autohaltern abgleichen. Das ohnehin schlechte Image der Datenbrille dürfte diese Anwendung kaum bessern – zumindest bei Privatpersonen.

Aber sie haben von der Datenbrille derzeit ohnehin keinen großen Nutzen, meint Spiwe Chireka vom Marktanalyse-Unternehmen IDC. Solange Google die Funktionalität nicht deutlich erweitert und den Preis senkt, "ist Google Glass nur ein nettes Gimmick". Auch der Digitalkonzern scheint das zu erkennen und steuert um: Im April startete er das Programm "Glass at Work".

Es soll Entwickler zu Anwendungen für Unternehmen ermuntern. Schlumberger, der größte Dienstleister im Erdölgeschäft, hat bereits demonstriert, wie sie aussehen könnten. Mit einer Glass-App von Wearable Intelligence bekommen Arbeiter eingeblendet, was über den Zustand von Pipelines oder Ölförderanlagen bekannt ist und welche Wartungsaufgaben anstehen. Die Würzburger Firma Itizzimo will Lagerarbeiter mit den Brillen ausstatten, um die Kommissionierung von Waren effizienter zu machen.

Damit wäre Glass zwar nicht mehr das nächste große Ding – sondern nur eine Verbesserung jener kopfgestützten Spezialdisplays, die es in der Industrie seit Jahren gibt. Aber es könnte jener Optimierungsschritt sein, der bisher gefehlt hat. Die Marktforscher von IDC jedenfalls erwarten, dass der Absatz der neuen Datenbrillen – auch Samsung arbeitet daran, wie eine Patentanmeldung jüngst zeigte – im Jahr 2016 die Millionenschwelle erreichen wird. (nbo)