Zu viel Strom fĂĽrs Dope

Die fortschreitende Legalisierung von Cannabis in den USA hat eine unerwartete Kehrseite: Weil die Pflanzen vor allem im Inneren von Lagerhäusern gezogen werden, verbrauchen sie so viel Energie wie Rechenzentren.

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Von
  • Kevin Bullis

Die fortschreitende Legalisierung von Cannabis in den USA hat eine unerwartete Kehrseite: Weil die Pflanzen vor allem im Inneren von Lagerhäusern gezogen werden, verbrauchen sie so viel Energie wie Rechenzentren.

Die Legalisierung von Marihuana in den US-Bundesstaaten Washington und Colorado hat in der internationalen Drogenpolitik hohe Wellen geschlagen. In Colorado hat sie in den vergangenen Monaten einen wahren Anbau-Boom nach sich gezogen. Der findet vor allem in Lagerhäusern und anderen Gebäuden statt – und treibt den Stromverbrauch nach oben.

Energieversorger und Wissenschaftler überlegen bereits, wie man eine „Gebäude- Landwirtschaft“ so gestalten könnte, dass sie nicht zu Lasten von Energieverbrauch und CO2-Emissionen geht. Natürlich lassen sich die Hanfpflanzen auch im Freien kultivieren. Doch Angst vor Dieben und Sorge um widriges Wetter veranlassen Cannabis-Anbauer dazu, ihre Zucht ins Gebäudeinnere zu verlegen.

Dort ist der Anbau etwa so energieintensiv wie der Betrieb eines Rechenzentrums. Ein Drittel des Stromverbrauchs geht auf die Tageslicht-Lampen, unter denen die Pflanzen wachsen. BelĂĽftung, Heizung, Luftentfeuchter und Klimaanlagen verbrauchen die weiteren zwei Drittel.

In den gesamten USA entstünden durch den Cannabis-Anbau – in anderen Bundesstaaten für medizinisches Marihuana – Stromkosten von sechs Milliarden Dollar, sagt Evan Mills vom Lawrence Berkeley National Laboratory. Bereits 2012 veröffentlichte er eine erste Abschätzung im Journal Energy Policy.

„Das ist eine enorme Menge Elektrizität“, sagt Bruce Bugbee, Pflanzenphysiologe an der Utah State University. Vertreter eines Energieversorgers in Washington hätten ihm mitgeteilt, dass eine Wasserkraftanlage von der Größe des Grand-Coulee-Talsperre im Columbia River nötig sei, nur um Marihuana-Bauern mit Strom zu versorgen.

Xcel Energy, einer der größten Energieversorger von Colorado, lässt bereits Cannabis-Anbaustätten inspizieren, um den Strombedarf zu ermitteln. Das Unternehmen arbeitet an einem Rabattprogramm, mit dem den Anbauern der Einsatz energieeffizienterer Technologien schmackhaft gemacht werden soll. „Wir wissen, dass der Anbau in Gebäuden hinsichtlich Größe, Umfang und Anbaumethoden stark variiert, deshalb stellen wir jetzt erst einmal die erforderlichen Daten zusammen“, sagt Xcel-Sprecher Gabriel Romero.

Dabei ist der bloße Austausch von klassischen Glühbirnen durch Energiespar- oder LED-Lampen noch die einfachste Aufgabe. Professionelle Cannabis-Anbauer sollten sich bei LED-Lampen auch Gedanken über die Wellenlängen des abgestrahlten Lichts machen, sagt Tessa Pocock vom Rensselaer Polytechnic Institute (RPI). Denn die hätten einen Einfluss auf das Wachstum der Pflanzen. Pocock untersucht derzeit, wie die vorherrschenden Wellenlängen der Beleuchtung die aktiven Verbindungen in den „medizinischen Pflanzen“, wie es in einer Pressemitteilung des RPI heißt, verändern.

Es gibt noch weitere Gründe, warum nicht jede LED-Lampe geeignet ist. Bruce Bugbee hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, nach der LED-Lampen mancher Hersteller – etwa von Hydrogrow oder Lumigrow – nur halb so energieeffizient sind wie die von anderen. Das bedeutet: Ihr Photonenfluss pro Joule aufgewendeter Energie ist nur halb so groß. Dazu kommt, dass LED-Lampen noch deutlich teurer sind als andere Lampen gleicher Effizienz.

Sollte die Akzeptanz von Marihuana zunehmen, dürften allerdings mehr Cannabis-Anbauer auf den Anbau in Gebäuden verzichten. „Ich kenne Cannabis-Züchter, die schon seit 30 Jahren im Gebäudeinneren anbauen“, sagt Bugbee. „Diejenigen, die am erfolgreichsten sind, gehen nun zu Gewächshäusern über.“ In denen bekommen sie kostenloses Sonnenlicht, dass die Energiebilanz nicht belastet.

(nbo)