Ausprobiert: Brille ohne Weitblick
Die Google-Brille zu tragen, ist bislang alles andere als ein Vergnügen. Gibt es Apps, die das ändern könnten? Wir haben es getestet.
- Rachel Metz
Die Google-Brille zu tragen, ist bislang alles andere als ein Vergnügen. Gibt es Apps, die das ändern könnten? Wir haben es getestet.
Metz, Redakteurin bei der amerikanischen Technology Review, ist weiter auf der Suche nach der viel zitierten Killer-App fĂĽr die Google Glass.
Abgesehen davon, dass die Brille auf dem freien Markt noch nicht verfügbar ist, gibt es mehrere Gründe, sie nicht zu tragen: Sie ist teuer, wirkt affektiert, funktioniert nicht wirklich gut, und die Leute werden einen – egal ob zu Hause oder auf der Straße – wegen des kleinen, bunten Displays auf dem Gesicht anstarren.
Gibt es nicht positive Aspekte, die die negativen überwiegen? Um das herauszufinden, setzte ich mir ein helloranges Exemplar auf und testete einige kostenlose Apps. Die meisten sind bei Googles Glassware erhältlich und gehören damit zu den wenigen Apps, die das Unternehmen bereits akzeptiert hat. Aber ich habe auch unerlaubte getestet.
Sie musste ich erst mittels eines Computers auf das System übertragen – ein mehrstufiger Prozess, den man, so warnt Google, auf eigenes Risiko unternimmt. Tatsächlich schaltete sich die Brille dabei zeitweilig aus, und ihre Funktionen kamen mehrmals durcheinander.
Da die Brille noch immer in ihren Anfängen steckt, habe ich keine Wunder von den Apps erwartet. Tatsächlich entdeckte ich auch keine, für die sich der Kauf der über 1000 Euro teuren Google-Brille lohnt. Aber ich habe zumindest einige gefunden, mit denen sich Zeit sparen lässt und die einem das Leben erleichtern.
Strava Cycling
Bei Fahrradtouren wende ich nur ungern meinen Blick von der Straße ab, um Geschwindigkeit und Kilometerstand auf dem Tacho am Lenker abzulesen. Mit der App des US-Unternehmens Strava lässt sich das vermeiden: Bei Strava Cycling reicht ein kurzer Blick nach oben, um die Daten in weißer Schrift deutlich zu erkennen. Eine Version für Läufer ist ebenfalls erhältlich. Anfangs lenkten mich die Daten in der Brille mehr ab als der Blick auf den Tacho. Aber nach ein paar Fahrten gewöhnte ich mich daran. Über eine kleine Kopfbewegung erhielt ich die Informationen, und genauso schnell verschwanden sie auch wieder. Mir gefiel das.
Doch hakt es noch an einigen Dingen. So bezweifle ich etwa, dass die App die Geschwindigkeit exakt erfasst. Die Angaben hinkten hinterher, wenn ich Hügel rauf und runter fuhr. Strava mag das noch optimieren – aber man stößt schon bald auf ein anderes Problem: Die magere Ladekapazität der Brillen-Batterie. Laut Google reicht sie gut für "einen Tag im üblichen Gebrauch". Ich kam bei mittlerer bis starker Nutzung nie länger als ein paar Stunden damit aus. Nach einer relativ kurzen Fahrt von zu Hause bis ans Meer – knapp zehn Kilometer –, auf der ich meine Daten oft checkte, verlor die Brille erheblich an Leistung. Ist man viele Stunden unterwegs, wird man sich einschränken müssen. Das führt aber den Zweck, die Daten in Echtzeit zu verfolgen, ad absurdum.
Glass Hunt
Als Nächstes testete ich einige von Google empfohlene Spiele aus dem Glassware-Paket Mini Games. Doch mehr Spaß und Erfolg hatte ich mit "Glass Hunt", einem Ego-Shooter-Spiel, das ich per Umweg über den Computer herunterladen musste. Glass Hunt ist ausgesprochen einfach. Man zielt auf Tonscheiben, die über eine grüne Landschaft fliegen. Mit Kopfbewegungen dirigiert der Spieler das Fadenkreuz über eine der Scheiben und schießt so viele wie möglich ab.
Google bietet ein nahezu identisches Spiel namens "Clay Shooter" an. Aber das Design ist weitaus dürftiger und wird über Sprache gesteuert, was viel schwieriger ist. Glass Hunt vermittelt zumindest einen Eindruck, wie Spiele zukünftig auf Wearables wie der Google-Brille funktionieren könnten. Werden die Interaktionen wie die Steuerung über Kopfbewegung noch verbessert, könnten solche Spiele einen Wahnsinnsspaß machen.
Allthecooks Recipes
Wenn ich koche, renne ich ständig zwischen der Mischschüssel und dem Kochbuch oder einem Rezept auf dem iPhone-Display hin und her. Alles, was mir da Zeit und Unordnung ersparen würde, klingt gut. Allthecooks Recipes ist über Glassware von Google erhältlich, lässt mich Rezepte suchen, lesen und sogar eigene Kochanweisungen aufnehmen, um sie mit anderen zu teilen.
Ich probierte die App im Büro aus, wo ich ziemlich eingeschränkt bin, weil wir nur eine Mikrowelle und einen Toaster haben. Zunächst nutzte ich die Brille, um Dessert-Rezepte für die Mikrowelle zu suchen, und fand recht schnell eines für Erdnussbutter-Toffees. Ich musste nur den Kopf nach oben neigen, schon konnte ich die Zutatenliste sehen. Im nächsten Supermarkt lief ich mit der Brille durch die Gänge, schaute und kaufte, was ich brauchte. Zurück im Büro, konnte ich jeden Zubereitungsschritt einfach auf dem Brillen-Display lesen. Es stand auch nicht zu viel Text auf der Mattscheibe.
Normalerweise schaltet sich das Brillen-Display aus, wenn es nicht genutzt wird. Bei dieser Funktion aber blieb es lange genug erleuchtet, sodass ich auch kompliziertere Schritte ausfĂĽhren konnte, etwa geschmolzene Schokolade und Erdnussbutter in eine SchĂĽssel gieĂźen und grĂĽndlich mit Kondensmilch verrĂĽhren. Wurde ich unsicher, was gerade zu tun war, schaltete ich einfach zwischen den Schritten hin und her. FĂĽr mich machte diese App am meisten Sinn. Sie ist zudem eine der ausgereiftesten.
Word Lens
Die populäre Smartphone-App "Word Lens" übersetzt gedruckten Text in Echtzeit in eine Vielzahl von Sprachen. Das klingt nach einer tollen Idee für einen am Kopf getragenen Computer: Wenn ich in einem fremden Land bin – warum soll ich dann ständig auf mein Smartphone schauen, wenn ich die Übersetzung auch direkt vor den Augen haben kann? Das Problem ist nur, dass sich das Display der Brille oberhalb des rechten Auges befindet. Man braucht also einiges an Übung, um auf das Display zu fokussieren. Zudem arbeitet die App mit einer Zeitverzögerung. Erst wenn ich mit dem Auge auf die Worte fokussiere, die ich verstehen will, reagiert die App.
Dafür übersetzt sie in annehmbarer Qualität – solange es um einfache Schriften und kurze Sätze geht, wie man sie auf Schildern findet. Wie erwartet gibt es Schwierigkeiten mit langen Sätzen, mit Text, der sich nicht ausreichend vom Hintergrund abhebt oder auf einer reich strukturierten Fläche. Word Lens unterscheidet sich daher nicht von den anderen von mir getesteten Apps und von der Brille selbst: Bis es sich wirklich lohnt, sie im Alltag zu nutzen, muss noch einiges passieren. (bsc)