Tauziehen um einen MERS-Impfstoff

Dank neuer Technologien können Entwickler heute Medikamente gegen Infektionskrankheiten viel schneller entwickeln als früher. Das Problem sind die Kosten für klinische Studien und die Produktion. Das könnte im Fall des sich ausbreitenden MERS-Syndroms Leben kosten.

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Von
  • Susan Young

Dank neuer Technologien können Entwickler heute Medikamente gegen Infektionskrankheiten viel schneller entwickeln als früher. Das Problem sind die Kosten für klinische Studien und die Produktion. Das könnte im Fall des sich ausbreitenden MERS-Syndroms Leben kosten.

Die potenziell hochgefährliche Infektionskrankheit MERS verbreitet sich weiter um den Globus. Doch obwohl es durchaus möglich wäre, einen Impfstoff zu entwickeln, gibt es momentan nur wenig kommerzielle Anreize dafür.

Das erstmals im Jahr 2012 in Saudi-Arabien identifizierte Virus ist mittlerweile bei Menschen in Europa, Afrika und Asien festgestellt worden. In den USA gab es die ersten Fälle im Mai – zwei Reisende, die aus Saudi-Arabien zurückgekehrt waren, hatten sich angesteckt. Zudem kam es wohl zu ersten Übertragungen von Mensch zu Mensch in den USA.

Moderne Methoden wie die DNA-Sequenzierung, die DNA-Synthese und andere aktuelle biomedizinische Technologien erlauben es eigentlich, schnell experimentelle Behandlungsformen für Erkrankungen wie MERS zu entwickeln. Doch das hilft wenig, solange die sich daran anschließenden klinischen Tests enorm kostspielig und langwierig bleiben.

Dabei wäre ein MERS-Impfstoff dringend notwendig. Obwohl der US-Bürger, dessen Infektion zuletzt gemeldet wurde, sich ohne medizinische Unterstützung wieder erholte, steckte er sich doch innerhalb von nur 40 Minuten während eines geschäftlichen Treffens an.

Andere MERS-Betroffene haben weniger Glück. Rund ein Drittel aller mit dem Virus diagnostizierten Personen sterben, wie aus Zahlen des US-Seuchenschutzamtes hervorgeht. Dabei wird das Virus von Mensch zu Mensch übertragen – auch von Patient zu medizinischem Betreuer. Die ersten Symptome sind grippal – Fieber, Husten und Kurzatmigkeit.

Die Pharmafirmen scheinen dennoch wenig Lust zu haben, mit Produkten auf den Markt zu kommen. Die großen Medizinproduzenten benötigen nach wie vor lange, um Impfstoffe zu testen und herzustellen. Und noch gibt es offenbar nicht genügend MERS-Fälle, um einen ausreichend großen Markt zu garantieren.

"In den USA dauert es generell zehn oder mehr Jahre und kostet rund eine Milliarde Dollar, um einen genehmigungsfähigen Impfstoff zu entwickeln", sagt Gregory Poland, Leiter der Impfstoffforschung bei der Mayo Clinic. Der Grund sind die notwendigen klinischen Untersuchungen am Menschen. Die seien teuer und müssten nicht nur sicherstellen, dass ein Impfstoff wirkt, sondern dass er auch keine problematischen Nebenwirkungen hat.

Hinzu kommt, dass Viren schnell mutieren, was dann wiederum das finanzielle Risiko erhöhe, einen Flop zu generieren, wie William Carter, Chef von Hemispherx Biopharma sagt. Die Firma aus Philadelphia forscht derzeit an Behandlungsformen für Virusinfektionen wie MERS. "Die Wirkung eines Impfstoffs löst sich dann einfach in Luft auf." Neben den verbesserten Techniken zur Entwicklung müssten daher auch neue Methoden zum Testen her.

Im März 2013 wurden in China die ersten Fälle von Menschen entdeckt, die mit der Vogelgrippe H7N9 infiziert waren. Zehn Tage nach Bekanntwerden des Ausbruchs erhielt die Biopharmafirma Novavax, die für die US-Regierung bereits an einem Impfstoff für H5N1 arbeitete, die genetische Sequenz von H7N9. Nur sechs Monate danach konnte ein experimenteller Impfstoff mit positiven Ergebnissen am Menschen getestet werden. Die Firma entwickelt ihn gerade mit Unterstützung der US-Regierung weiter, muss aber noch durch die lange Testphase hindurch.

Der Ansatz von Novavax zeigt, wie schnell Impfstoffe im Labor entstehen können. Statt die Viren-DNA über Bakterien zu vermehren, was ein zeitintensives Kopieren des Virengenoms bedingt, synthetisierte die Firma die DNA chemisch. Anschließend wurden Insektenzellkulturen verwendet, um Proteinabschnitte aus der DNA zu produzieren. Diese Proteinabschnitte wurden dann wiederum zu virengroßen Nanopartikeln kombiniert, die sich als Impfstoff eigneten.

Obwohl es anscheinend keinen Markt gibt, versuchen sich einige Firmen derzeit auch an Impfstoffen gegen MERS. Darunter ist Novavax, wo man die bei H7N9 verwendeten Methoden nutzt. Doch noch gibt es Probleme: So stellte man fest, dass Standardlabortiere sich aus bislang unbekannten Gründen nicht mit MERS infizieren lassen.

Wie Forscher an der University of Maryland School of Medicine mitteilten, die mit Novovax zusammenarbeiten, war es zwar möglich, gegen MERS gerichtete Antikörper in Mäusen zu generieren. Aber ob die Immunantwort die Tiere wirklich schützte, ergab sich daraus nicht. In einem nächsten Schritt soll nun ein wirklich passendes Tiermodell gefunden werden, etwa Affen oder genetisch veränderte Mäuse. (bsc)