Schlafen wie auf Raumschiff 7
Der Hochsommer naht mit mörderischen Temperaturen. Was liegt da näher, als alte und neue Produkte gegen das nächtliche Schwitzen auszuprobieren? Besonders cool: Erfrischung made in space.
- Martin Kölling
Der Hochsommer naht mit mörderischen Temperaturen. Was liegt da näher, als alte und neue Produkte gegen das nächtliche Schwitzen auszuprobieren? Besonders cool: Erfrischung made in space.
Seit Wochen bereite ich mich mental auf meinen ganz persönlichen Horror vor: Schlafen im Sommer. Ohne CO2-produzierend und kontoschädigend die Klimaanlage in der Nacht durchlaufen zu lassen, brauche ich an geruhsamen Schlaf eigentlich nicht zu denken. Bei nächtlichen Raumtemperaturen von rund 30 Grad wache ich selbst dann schweißgebadet auf, wenn ich mich von einem Ventilator luftkühlen lasse und mich nur mit einem Hauch von Laken bedecke. Um so dringender habe ich daher nach alten wie neuen Hilfsmitteln gesucht, die mir das Schlafen angenehmer machen könnten.
Die traditionelle Trickkiste ist dabei schon reich bestückt in Japan. Zu Beginn meiner Japan-Karriere habe ich dünne Reisstrohmatten ausprobiert, die man auf die Futonmatraze legen kann. Ohne Erfolg: Das zwickte hier und da, aber ich schwitzte weiter. Danach kam eine Art Kettenpanzer aus kleinen Bambusplättchen aufs Bett, die durch Fäden zu einem flexiblen, aber löchrigen Laken zusammengefügt waren. Doch auch die Unterlüftung erfüllte ihren Zweck nicht. Hart war es obendrein.
Dann gibt es noch diverse Verfahren, den Schweiß aufzusaugen – mit Unterlagen, die mit Kohle oder anderen saugfähigen Stoffen gefüllt sind. Diese Schlafhilfen stehen noch auf meiner Testliste.
Doch nun sprang mir eine Art Abfallprodukt der Raumfahrtindustrie ins Auge, das wenigstens in seiner Werbung eine Art Revolution verheißt: ein Laken der "Ice-Mist"-Serie des japanischen Bettenprofis Nishikawa soll den Körper wirklich kühlen.
Das Zauberwort des Verkäufers war PCM, was "Phase Change Material" heißt. Darunter versteht man Stoffe, die durch den Übergang von einem festen in einen flüssigen Zustand Wärme aufnehmen oder andersherum wieder abgeben können. Dazu werden meist Paraffine oder Plastikkristalle verwendet, deren Schmelzpunkt je nach Materialart auf den jeweiligen Zweck eingestellt werden kann. Sie werden in kleine "Beutel" eingeschlossen, um ihre Freisetzung zu verhindern.
Die Grundidee im Sommer ist, große Temperaturschwankungen abzumildern und den Körper stärker in der Wohlfühlzone zu halten. Das Problem war bisher, Anwendungen für die mit diesen PCMs angereicherten Textilien zu finden. Motorradhandschuhe fand ich schon mal als Produkt. Doch Nishikawa hat eine Lösung des Schweizer Spezialchemieherstellers Schoeller für seine Laken verwendet.
Lohnt sich der Kauf? EndgĂĽltig werde ich es nach diesem Sommer wissen. Doch vorab drei Erkenntnisse, die teilweise aus einem Blog des Besitzers eines Ladens fĂĽr Betttextilien wie auch meiner eigenen Erfahrung stammen.
Erstens fühlt sich das eisige Bettcover nicht so anschmiegsam an wie ein normales Laken. Aber es ist immer noch um Längen besser als die Bambusplattenunterlage.
Zweitens soll es nicht so viel Wasser aufsaugen wie andere Unterlagen. Wie könnte es das auch, wenn ein Großteil der Fläche und des Volumens aus Paraffinkugeln besteht. Doch ein kühleres Laken ist nur ein Aspekt des erholsamen Schlafes, das Gefühl der Feuchtigkeit ein anderer, gibt der ehrliche Verkäufer zu bedenken.
Punkt drei ist der Schmelzpunkt der Kugeln. Wenn man sich aufs Bett wirft, fühlt es sich zuerst herrlich kühl an. Aber mit der Zeit nehmen die Wachskügelchen Körpertemperatur an. Die Idee ist, dass sie wieder kühl und hart werden, sobald ich mich auf die Seite drehe und damit die Wärme auf meiner alten Liegefläche verdunsten kann. Doch damit sie wirklich wieder hart werden und damit ihr kühlende Wirkung voll entfalten können, muss die Raumtemperatur niedriger als 28 Grad Celsius liegen. Und dies bedeutet im Hochsommer wieder, dass ich doch die Klimaanlage einschalten muss.
Dies führt mich zu der Arbeitshypothese, dass Probleme wie diese die mangelnde Verbreitung von PCM im Alltag erklären. Doch vielleicht widerlege ich das Vorurteil ja später noch.
Meine Hoffnung ist jedenfalls, dass ich die Raumtemperatur nicht ganz so weit herunterregeln muss wie bisher, um einigermaßen schwitzarm zu schlafen, weil ja das Laken einen Teil der Körperkühlung übernimmt. Ein Unterschied von ein oder zwei Grad Kühlung ist nicht nur bare Münze wert, sondern in einer Zeit, in der alle Atommeiler abgeschaltet sind, auch verdammt viele eingesparte Kohlendioxidemission. Und ein gesünderes Ökogewissen dient dann vielleicht zusätzlich als sanfteres Ruhekissen. Hoffentlich. (bsc)