High Tech braucht High Mores: Zum Tode von Heinz Zemanek
Der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Er hatte 1955 das Mailüfterl gebaut, den ersten vollständig mit Transistoren arbeitenden Computer auf dem europäischen Festland.
Im Alter von 94 Jahren ist der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek am Mittwoch in Wien gestorben. Mit seinem Team baute er ab 1955 den ersten volltransistorierten Computer auf dem europäischen Festland, das Mailüfterl. Mit dem Namen wollte er verdeutlichen, dass sein Computer nicht so leistungsfähig war wie die US-amerikanischen "Whirlwind" oder "Typhoon", aber doch immerhin eine Wiener Brise darstellte. Für IBM entwickelte der gelernte Nachrichtentechniker den Vocoder IBM 7772, der im System /360 zum Einsatz kam.
(Bild:Â Wirthi, CC BY-SA 3.0 )
Heinz Zemanek kam als Sohn eines Musikers und Buchhalters und einer Angestellten am 1. Januar1920 in Wien zu Welt, "im republikanischen Österreich", wie er später gerne betonte. In seiner Jugend engagierte sich Zemanek als Pfadfinder und nahm als österreichischer "Außenminister" an mehreren Jamborees des Weltverbandes teil. Nach Bestehen der letzten österreichischen Matura im Jahr 1937 studierte er Nachrichtentechnik an der TU Wien, das er 1944 mit dem Diplom-Ingenieur abschließen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Zemanek als Nachrichtentechniker von der Deutschen Wehrmacht in Saloniki eingesetzt, später forschte er zur Radarentwicklung und Impulstechnik.
Nach dem Krieg arbeitete Zemanek als wissenschaftlicher Assistent an der TU Wien, wo er von 1947 bis zur Emeritierung 1985 seine Vorlesungen hielt, die nur einmal fĂĽr ein Jahr ausgefallen sind. Als hoch dekorierter "IBM Fellow" (1976-1985) ĂĽbernahm es der US-amerikanische Konzern, ihn jeweils fĂĽr die Vorlesungen einzufliegen. IBM war es auch, die den von Zemanek entwickelten Computer MailĂĽfterl samt der kompletten Entwicklungsmannschaft kaufte: Der Bau dieses Computers war "war ein halb illegales Unterfangen eines kleinen Hochschulassistenten", wie Zemanek es bezeichnete, als er ĂĽber die Entwicklung des MailĂĽfterls berichtete.
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Stark beeinflusst von Norbert Wiener und seinen Ausführungen zur Kybernetik, näherte sich Zemanek dem Computerbau aus der Sicht der Signal- und Impulstechnik. "Ich konnte das Konzept des Computers als nachrichtentechnisches Gebilde weit besser verfolgen als alle anderen, hatte aber den Nachteil, dass die Finanzierung nicht gesichert war." Als "Bastler" verstand sich Zemanek bestens mit Konrad Zuse, sein Lüfterl-Mittüftler Rainer Bodo wurde nach der Promotion Chefingenieur bei der Zuse KG.
Weil es Probleme gab, für den Mailüfterl einen Compiler zu finden, begann Zemanek mit der bis zu seiner Emeritierung betriebenen Softwareentwicklung, die in die formale Definition der IBM-Programmiersprache PL/I mündete. Aus seinen Radarforschungen im Weltkrieg entwickelte Zemanek in Wien ein PCM-System, das als Voice Answer Back Machine unter dem Namen IBM 7772 an den Börsen der Welt eingesetzt wurde, um Kursnachrichten aufzusagen.
Zemanek erhielt für seine Forschungen zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der International Federation for Information Processing und war von 1971 bis 1974 ihr Präsident. Der höchste Preis der österreichischen Informatiker ist der Heinz Zemanek-Preis.
Vehement wehrte sich Zemanek gegen alle Versuche, dem Computer ein transzendentes Wesen oder gar Intelligenz zuzuschreiben. Zu seinem 85. Geburtstag mahnte der Computerpionier an, das Technikbegeisterung ihre Grenzen haben muss: "Man kann aber auch immer ärmer werden, weil man immer größere Fülle um sich hat. Es liegt an uns, am Benutzer der Technik. High Tech braucht High Mores (High Ethics). High Tech kann man im Versandhaus bestellen." (mho)