LĂĽcken in Israels "Iron Dome"
Militäranalysten warnen davor, den Abschuss von Hamas-Raketen durch das israelische Abwehrsystem als Erfolg zu feiern. Die meisten Hamas-Sprengköpfe seien wohl unzerstört auf dem Boden angekommen, weil die Flugbahn der Abwehrraketen fehlerhaft sei.
- David Talbot
Militäranalysten warnen davor, den Abschuss von Hamas-Raketen durch das israelische Abwehrsystem als Erfolg zu feiern. Die meisten Hamas-Sprengköpfe seien wohl unzerstört auf dem Boden angekommen, weil die Flugbahn der Abwehrraketen fehlerhaft sei.
Bislang hat der Abwehrschirm der israelischen Armee, der „Iron Dome“, dem Beschuss aus dem Gaza-Streifen standgehalten. Die Boden-Luft-Raketen des Systems konnten zahlreiche Hamas-Raketen abfangen. Experten warnen jedoch, dass dies nicht genug ist: In vielen Fällen sei es wohl nicht gelungen, auch die Schrapnell-Sprengköpfe der Hamas-Raketen detonieren zu lassen. Verstreut in der Landschaft, aber intakt könnten sie auch weiterhin eine ernsthalfte Bedrohung sein.
Dass es noch keine Raketenopfer in Tel Aviv, Jerusalem und anderen Städten wie dem nahe Gaza gelegenen Aschkelon gibt, halten die Experten eher für Glück als für einen Erfolg des Iron Dome. Vergangenen Donnerstag hatte die israelische Armee bekanntgegeben, man habe 56 Raketen aus dem Gaza-Streifen erfolgreich abgefangen. Der Sicherheitsanalyst Richard Lloyd, früher in Diensten von Raytheon Integrated Defense Systems, hält es für ziemlich sicher, dass die Sprengköpfe intakt geblieben seien. Das Abwehrsystem versage im Kern, so Lloyd.
Der Iron Dome ist die kleinere Version des Patriot System, dass für das Abfangen von schnelleren Raketen mit größerer Reichweite ausgelegt ist. Die Abwehrraketen des Iron Dome sind etwa drei Meter lang und haben einen Durchmesser von 15 Zentimetern. Sie sind mit Sensoren und Echtzeit-Leitsystemen bestückt, um ankommende Geschosse unverzüglich außer Gefecht setzen zu können.
Nähert sich die Abwehrrakete dem Zielobjekt, löst ein spezieller Proximitätssensor die Detonation aus. Dadurch schießen aus dem berstenden Raketenrumpf Metallstäbe in die Umgebung, die den Sprengkopf einer feindlichen Rakete treffen und zur Explosion bringen sollen. So weit die Theorie.
Dass die Praxis anders aussieht, glaubt auch Ted Postol, Physiker und Raketenabwehr-Experte am MIT. Er arbeitet mit Lloyd zusammen und hatte bereits 1991 den erfolgreichen Abschuss irakischer Scud-Raketen im zweiten Golfkrieg durch Patriot-Raketen als falsche Behauptung der US-Armee entlarvt.
Postol war zunächst vom Iron Dome angetan, als sich das System beim letzten größeren Beschuss durch die Hamas 2012 bewährt zu haben schien. Eine spätere Analyse der Rauchspuren der detonierten Raketen legte jedoch nahe, dass das Leitsystem sich geradezu erratisch verhielt. Anstatt die Rakete gleichmäßig steigen zu lassen, habe das System eine äußerst kurvige Flugbahn veranlasst, der zu einem seitlichen oder rückwärtigen Anflug auf die Zielraketen führte, sagt Postol. Diese Probleme gebe es immer noch.
„Wir hatten erwartet, dass über eineinhalb Jahre später die Probleme mit dem Leitsystem behoben oder zumindest in Teilen behoben sein würden“, sagt Postol. „Wie sich herausstellt, ist das nicht der Fall. So weit wir das beurteilen können, verhalten sich die Raketen genauso erratisch wie im November 2012.“
Um einen gegnerischen Sprengkopf mit einiger Sicherheit detonieren zu lassen, sei ein frontaler Treffer nötig, betont Richard Lloyd. Analysen in den vergangenen Tagen hätten gezeigt, dass die jüngsten Abschüsse im großen und Ganzen von der Seite und von hinten erfolgt seien. „Die Chance, den Sprengkopf zu zerstören, ist so nahe null“, sagt Lloyd, das lasse sich aus grundlegenden physikalischen Prinzipien herleiten. Die israelische Armee war für Stellungnahme hierzu nicht zu erreichen.
(nbo)