Aufpoliert: Photoshop CS4

Mit CS4 betritt Photoshop gleich in zweifacher Hinsicht technisches Neuland: Erstmals nutzt die Bildbearbeitung den Grafikprozessor als Applikationsbeschleuniger und präsentiert sich als 64-Bit-Anwendung – momentan allerdings nur für Windows-Systeme.

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Mit dem Erwerb von Photoshop CS4 muss der Nutzer Adobes geänderte Produktaktivierung schlucken, die nunmehr komplett unsichtbar abläuft. Bei sämtlichen seit Juni 2008 veröffentlichten Adobe-Produkten – also auch Acrobat 9 – entfallen sowohl die telefonische Aktivierungsalternative als auch die Aufforderung zur Freischaltung der Software. Stattdessen verbindet sie sich eigenmächtig mit dem Aktivierungsserver, was nicht wenige Nutzer als inakzeptable Grenzüberschreitung oder gar Ausspionieren empfinden. Adobe beteuert, außer der IP-Adresse keine personenbezogenen Daten zu übermitteln. Zudem könne man die Software auf Rechnern, die nicht mit dem Internet verbunden sind, ohne Aktivierung betreiben. Das Deaktivieren ist nach wie vor möglich – sofern der Nutzer sich dieses Erfordernisses überhaupt noch bewusst wird. Details konnten wir mit der uns vorliegenden Beta-Version nicht testen.

Die Arbeitsfläche von Photoshop lässt sich beliebig drehen.

Die Zeichner und Maler unter den Bildbearbeitern können sich über die frei bewegliche Zeichenfläche („Rotate View“) von CS4 freuen: Die Arbeitsfläche lässt sich nun während des Pinselns beliebig hin- und herdrehen. Vorteil: Wie bei der Arbeit auf Papier kann man die Pinselstriche immer so führen, wie man es am besten beherrscht. Dank verbessertem Bildschirm-Anti-Aliasing werden Bilder nunmehr in jeder Vergrößerungsstufe korrekt angezeigt. Mit diesen neuen Display-Funktionen folgt Photoshop Adobes Videoschnittprodukten in das Reich der OpenGL-Beschleunigung: Photoshop CS4 führt die Berechnung der naturgemäß schnell wechselnden Ansicht sowie das Anti-Aliasing ausschließlich auf dem Grafikprozessor aus.

Der Hersteller hat die zugrundeliegenden Prozesse zunächst für Nvidia-Grafikkarten optimiert, wobei vermutlich auch andere OpenGL-2-fähige Karten als Beschleuniger taugen. Auf einem 2,8-GHz-Dual-Core-Athlon mit GeForce 8400 GS funktionierte das Drehen, Verschieben und Zoomen des virtuellen Papiers in Echtzeit – egal ob wir eine 500-MByte- oder eine 3,5-GByte-Datei bewegten. Auch die Hilfslinien folgen der Rotation; eine korrekte Projektion der Bildabmessungen auf die Lineale findet dabei aber nicht statt. Da sich der Pinsel ebenfalls mitdreht, muss man bestimmte Varianten – etwa Grasbüschel – leider doch in der gewohnten Ansicht anwenden. Lupe, Hand und Pinsel wurden ebenfalls mit OpenGL-Beschleunigern gedopt: Selbst in riesigen Bildern taucht Photoshop rasend schnell stufenlos von der Vollbildansicht auf Pixelebene ein – in den höchsten Zoomstufen trennt ein überlagertes Gitter die einzelnen Pixel optisch voneinander. Beim OpenGL-beschleunigten Navigieren verschiebt man das Bild nicht wie bisher mit einer Unzahl hektischer Mausbewegungen, sondern versetzt ihm einfach einen kräftigen Schubs: Der gibt ihm kinetische Energie, sodass es sich immer weiter bewegt und langsam ausläuft.

Von einem weiteren technischen Fortschritt profitieren nur Windows-Nutzer: Photoshop läuft jetzt nativ auf 64-Bit-Systemen, kann sich also ausgiebig an großzügiger RAM-Ausstattung bedienen. Auf 32-Bit-Systemen kommt er nur an knapp 1,7 GByte Arbeitsspeicher heran. Einen spürbaren Performance-Gewinn verzeichneten wir bei Dateien ab circa 1 GByte. Beispielsweise dauerte die 1600fache Vergrößerung eines 10-Megapixel-Bildes (16 Bit Farbtiefe pro Kanal) unter Windows Vista (32 Bit, 1,7 GByte RAM zugewiesen) knapp zehn Sekunden, unter Windows Vista (64 Bit, 6 GByte RAM zugewiesen) nur sechs. Beim Konvertieren desselben in ein Smart-Object holte die 64-Bit- gegenüber der Standard- Version mehr als zwei Minuten heraus (Konvertierungszeit: 1,5 Minuten). Die 6400-fache Vergrößerung schaffte die 64-Bit-Variante in nur 18 Sekunden gegenüber 2,75 Minuten. Mac-Nutzer mit 64-Bit-Ambitionen müssen sich laut Adobe bis zum nächsten Release gedulden. MacBook-Air- oder -Pro-Besitzer tröstet der Hersteller derweil mit der Unterstützung von MultiTouch-Gesten auf dem Trackpad etwa für das Zoomen oder Rotieren.

Ungeachtet von OpenGL- und 64-Bit-Performance-Steigerungen wünschten wir uns eine reaktionsfreudigere Oberfläche. Insbesondere schnelle, großflächige Pinselstriche brachte Photoshop CS4 im Test nur mit Verzögerung auf den Monitor. Ebenfalls unschön: Legt man als primäre Partition für die Auslagerungsdatei nicht die Systempartition fest, lässt sich die Anwendung nur noch mit Administratorrechten starten. Und im Test auf unserem 64-Bit-System funktionierte das Öffnen von Dateien via Adobe Bridge nicht.

Die Harmonie zwischen dem Raw-Paket Lightroom 2 und dem in Photoshop eingebauten Importmodul hat Adobe bereits mit Veröffentlichung von Camera Raw 4.5 wiederhergestellt. Raw-Dateien lassen sich somit direkt von Lightroom aus als Smart-Objects in Photoshop öffnen und bei Bedarf via Camera-Raw-Dialog nachjustieren. Hier wäre – insbesondere bei der Arbeit mit den neuen selektiven RAW-Korrekturen – eine Vorschauoption wünschenswert, die sämtliche auf die Rohdaten gestapelten Einstellungsebenen mit einrechnet. Im Übrigen mag das Camera-Raw-Update nur mit Photoshop-Versionen ab CS3 zusammenarbeiten; Besitzer älterer Ausgaben mit Harmonisierungsbedarf bittet Adobe zum Update auf CS4. Wer sich auf die enge Verzahnung einlässt, muss also Photoshop künftig fast ebenso aktuell halten wie das vorgeschaltete Lightroom.

Als besonders dankbare Motive beim "intelligenten Skalieren" erwiesen sich Landschaftsaufnahmen mit eher groben Strukturen.

Eine faszinierende Neuerung ist das „Content-Aware Scale“, eine Art Zuschneiden- und Skalieren- Automat. Dabei markiert der Nutzer grob wichtige Bildinhalte und speichert sie in einer Maske – diese Schutzzonen erhält Photoshop beim automatischen Zerhacken und wieder Zusammenflicken in ihrer ursprünglichen Größe. Brauchbare Ergebnisse erzielten wir beim Zuschneiden von Landschaftsbildern mit Personen im Vordergrund; die sichtbaren, aber nicht allzu auffälligen Nahtstellen ließen sich mit wenigen Handgriffen kaschieren.

Erwartungsgemäß scheitert die Funktion bei Fotos mit sich verjüngenden Linien und anderen perspektivischen Effekten. Auch wer Bilder unproportional vergrößern möchte, wird in der Regel enttäuscht: Bei starker Streckung ziehen sich ehemals feine Strukturen wie Schlieren durch den Hintergrund. Um diese Aufgabe zu meistern, müsste Photoshop Texturen automatisch ergänzen, statt sie bloß zu skalieren.

Ansonsten hat sich Adobe vor allem der Verbesserung des Vorhandenen gewidmet: Nachbelichter und Aufheller gehen weniger brachial zu Werke als bisher und nichtdestruktive Korrekturen bekommen eine eigene, praktische Palette. Die Deckkraft und den weichen Rand von Ebenenmasken kann man jederzeit nachjustieren, wovon Smart-Objects- Masken leider ausgenommen sind. Makrofotografen können dank der erweiterten „Auto- Blend“-Funktion eine Bilderserie mit unterschiedlichen Schärfezonen in ein Bild mit großer Tiefenschärfe überlagern.

Photoshop Extended macht vor allem 3D- und Videokünstlern das Update schmackhaft, dient sich aber auch Architekten und Medizinern an: Photoshop CS4 Extended kann Objekte und ihre Texturen nicht nur lesen, sondern auch wesentliche Eigenschaften einer 3D-Szene wie Beleuchtung und Materialien bearbeiten und hinzufügen. Darüber hinaus lassen sich 3D-Objekte direkt mit Hilfe von Photoshop-Pinseln bemalen; für ein besseres Rendering sorgt der neue Ray-Tracer. "Audio Playback" erhält beim Videoexport auf Wunsch die Tonspur, und nicht-quadratische Pixel werden besser dargestellt.

Lohnt sich also das Update? Wer viel malt, montiert und verfremdet, dürfte auf die mit CS4 begonnene OpenGL-Beschleunigung respektive die drehbare Zeichenfläche nur gewartet haben. Großformat-Liebhaber können dank 64-Bit-Unterstützung flüssiger arbeiten. Für die breite Masse der Bildbearbeiter fallen die Verbesserungen gegenüber der Vorversion nicht gravierend aus – sie können diese Version auch mal auslassen. (rst)

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