Strom aus dem See

Ruanda will aus den Tiefen des Kivu-Sees Methan fördern und es über PVC-Pipelines abtransportieren.

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Von
  • Judith Reker

Ruanda will aus den Tiefen des Kivu-Sees Methan fördern und es über PVC-Pipelines abtransportieren.

Zwei Grad südlich des Äquators, in der Mitte Afrikas, liegt still und tief der Kivu-See. Im Osten begrenzen ihn die grünen Hügel Ruandas, auf deren Terrassen Kaffee, Cassava und Bohnen wachsen. Im Westen erstrecken sich die Wälder der Demokratischen Republik Kongo, im Norden ragt das Virunga-Vulkangebirge empor. Das Gewässer ist mit rund 2400 Quadratkilometern mehr als viermal so groß ist wie der Bodensee, bis zu 485 Meter tief – und birgt eine Gefahr, die gleichzeitig ein riesiger Schatz ist: 60 Milliarden Kubikmeter Methan und 300 Milliarden Kubikmeter Kohlendioxid liegen hier in Wasser gelöst.

Der Druck der oberen Wasserschichten hält das Gasgemisch so ruhig wie ein Korken den Sprudel in der Flasche. Würde der Druck des Gases zu groß, könnte das Gemisch nach oben steigen und den Anwohnern die Luft zum Atmen nehmen. Unglücke wie diese gab es wiederholt, zuletzt 1986 in Kamerun. 1700 Menschen verloren ihr Leben.

Nun will das US-Unternehmen ContourGlobal die Gefahr bannen, indem es den Schatz hebt. Die Ingenieure wollen das Methan im groĂźen Umfang zu Strom machen. Schon bald soll die Anlage "KivuWatt" 25 Megawatt ins ruandische Stromnetz einspeisen. In einer zweiten Phase sollen weitere 75 Megawatt hinzukommen. Theoretisch kein Problem: Die Gasmenge wĂĽrde reichen, um 55 Jahre lang 700 Megawatt zu liefern. Den Strom braucht das arme, aber wirtschaftlich aufstrebende Land dringend: Noch 2012 hatten nur 16 Prozent aller Haushalte Strom.

Theoretisch also könnte das Gas aus dem See Ruanda eine Energiewende bringen. Praktisch hat allerdings noch nie jemand im großen Maßstab ausprobiert, in Wasser gelöstes Gas in Strom umzuwandeln. Dabei ist die Idee nicht neu. Schon 1963, damals unter belgischer Kolonialherrschaft, kamen die Betreiber einer Bierbrauerei am See auf den Gedanken. Mehr als 40 Jahre lang ersetzte die Brauerei erfolgreich das Heizöl mit Methan aus dem See.

2007 startete die ruandische Regierung dann ein Pilotprojekt, um das Methan zu fördern und in Strom umzuwandeln. "Eine weltweit einmalige Technik", schwärmt der Geograf Martin Doevenspeck. Der Professor der Universität Bayreuth verfolgt seit Jahren die Bemühungen am Kivu-See. Weltweit einmalig sei das Vorhaben, weil der See selbst einmalig ist: Zwar gibt es Gase in vielen Seen, doch er gehört zu weltweit drei Gewässern, in denen sich das Wasser nicht regelmäßig durchmischt und so das Gas wieder freisetzt. Bevor aber Ruanda auf Investoren für eine kommerzielle Energiegewinnung hoffen konnte, "mussten sie zeigen, dass es geht", fasst Doevenspeck den Zweck des Pilotprojekts zusammen.

Die Rechnung ging auf. ContourGlobal warb für die 25-MW-Phase 140 Millionen Dollar ein. Wenn es endlich losgeht, wird mitten im See eine schwimmende Plattform verankert sein. Von ihr werden Rohre Hunderte Meter tief in den See hinunterstechen. Das Gasgemisch – befreit vom Druck der Wassermassen – schießt nach oben und wird aufgefangen. Methan und Kohlendioxid werden getrennt. Im nächsten Schritt wird das Methan weiter aufgereinigt, über eine Pipeline an Land bis in ein Gaskraftwerk geleitet und schließlich verstromt.

Ganz ungefährlich ist die Sache nicht. Die Methanförderung könnte das Gas-Wasser-Gleichgewicht stören und zu einer ähnlichen Katastrophe führen wie 1986 in Kamerun. Dort trat aus ungeklärten Gründen eine Kohlendioxidwolke aus dem geologisch ähnlichen Nyos-See aus. Wie hoch das Risiko für den Kivu-See ist, darüber gehen die Meinungen der Wissenschaftler auseinander. Bisher jedenfalls ist es zu keinem Unglück gekommen. Die Anwohner erzählen sich lediglich von Orten im See, wo von Zeit zu Zeit kleine Gasmengen an die Oberfläche gelangen und Schwimmer ohnmächtig wurden.

Starten soll KivuWatt im September. Im Mai jedenfalls verkündete der zuständige Minister für Infrastruktur den Termin. Ob es dabei bleibt, ist allerdings fraglich. Kürzlich revidierte ein enger Mitarbeiter, der anonym bleiben will, den Termin auf November, frühestens. Die Betreiberfirma ContourGlobal hüllt sich gegenüber Technology Review in Schweigen.

Auch technische Details sind nicht zu bekommen. So bleiben zwei Fragen weiter offen: Funktioniert die Technologie wirklich im großen Maßstab? Und reduziert sich das Risiko eines tödlichen Gasausbruchs durch die Entnahme, oder vergrößert es sich? (bsc)