Afrika: Strom aus dem See
Ruanda will aus den Tiefen des Kivu-Sees Methan fördern und es über PVC-Pipelines abtransportieren und kommerzialisieren.
- Judith Reker
Zwei Grad südlich des Äquators, in der Mitte Afrikas, liegt still und tief der Kivu-See. Im Osten begrenzen ihn die grünen Hügel Ruandas, auf deren Terrassen Kaffee, Cassava und Bohnen wachsen. Im Westen erstrecken sich die Wälder der Demokratischen Republik Kongo, im Norden ragt das Virunga-Vulkangebirge empor. Das Gewässer ist mit rund 2400 Quadratkilometern mehr als viermal so groß ist wie der Bodensee, bis zu 485 Meter tief – und birgt eine Gefahr, die gleichzeitig ein riesiger Schatz ist: 60 Milliarden Kubikmeter Methan und 300 Milliarden Kubikmeter Kohlendioxid liegen hier in Wasser gelöst.
Nun will das US-Unternehmen ContourGlobal den Schatz heben, berichtet Technology Review in seiner Online-Ausgabe. Die Ingenieure wollen das Methan im groĂźen Umfang zu Strom machen. Schon bald soll die Anlage "KivuWatt" 25 Megawatt ins ruandische Stromnetz einspeisen. In einer zweiten Phase sollen weitere 75 Megawatt hinzukommen. Theoretisch kein Problem: Die Gasmenge wĂĽrde reichen, um 55 Jahre lang 700 Megawatt zu liefern. Den Strom braucht das arme, aber wirtschaftlich aufstrebende Land dringend: Noch 2012 hatten nur 16 Prozent aller Haushalte Strom.
Theoretisch also könnte das Gas aus dem See Ruanda eine Energiewende bringen. Praktisch hat allerdings noch nie jemand im großen Maßstab ausprobiert, in Wasser gelöstes Gas in Strom umzuwandeln. Ganz ungefährlich ist die Sache nicht. Die Methanförderung könnte das Gas-Wasser-Gleichgewicht stören und zu einer ähnlichen Katastrophe führen wie 1986 in Kamerun. Dort trat aus ungeklärten Gründen eine Kohlendioxidwolke aus dem geologisch ähnlichen Nyos-See aus. Wie hoch das Risiko für den Kivu-See ist, darüber gehen die Meinungen der Wissenschaftler auseinander.
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(bsc)