Letzte Hoffnung Maus-Avatar

Eine US-Firma pflanzt Mäusen mit defektem Immunsystem Tumorgewebe von Krebspatienten ein, um an den Tieren dann personalisierte Therapien testen zu können.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Alexandra Morris

Eine US-Firma pflanzt Mäusen mit defektem Immunsystem Tumorgewebe von Krebspatienten ein, um an den Tieren dann personalisierte Therapien testen zu können.

Die haarlosen Mäuse, die sich im Labor von Champions Oncology in Baltimore tummeln, sind keine gewöhnlichen Labormäuse. Es handelt sich um „Krebs-Avatare“: Die Tumore, an denen die Nager leiden, stammen von menschlichen Krebspatienten. An den Tieren, die alle fein säuberlich etikettiert sind, will die US-Firma individuell zugeschnittene Medikamente ausprobieren. Schlägt ein Medikament an, geht die Nachricht an den behandelnden Arzt des Krebspatienten.

Mit diesem ungewöhnlichen Ansatz einer personalisierten Medizin will Champions Oncology ein neues Kapitel im Kampf gegen den Krebs aufschlagen. 10.000 bis 12.000 Dollar berechnet die Firma für die Krebsavatare in Mausgestalt.

Wer das Geld aufbringen kann – Versicherungen zahlen für das Experiment noch nichts –, bekommt von seinem Arzt in einer Biopsie ein Stück aus dem Tumor entfernt. Der Arzt schickt die Gewebeprobe an Champions Oncology, das sie den Maus-Avataren unter die Haut implantiert. Bei den Mäusen handelt es sich allesamt um Tiere, deren Immunsystem defekt ist, so dass sich das Implantat bald zu einem Tumor auswächst. Dabei können auch mehrere Maus-Avatare mit derselben Krebsprobe „infiziert“ werden.

Mit dem Verfahren will Champions Oncology das Mutmaßen um das am besten geeignete Medikament für einen bestimmten Krebspatienten auf eine solidere Grundlage stellen. „Allgemein ist es so, dass die an Krebspatienten verabreichten Medikamente häufiger unwirksam sind, als dass sie einen positiven Effekt zeigen“, weiß Justin Stebbing, Onkologe am Imperial College in London. Die bisherigen Ergebnisse aus den Maus-Avataren gäben den Patienten nun „einen zusätzlichen Hoffnungsschimmer“.

Auch andere Forscher hatten bereits die Idee mit einem medizinischen Avatar. Einige haben es mit Fruchtfliegen probiert, die mit Patienten eine bestimmte Genmutation gemeinsam haben. Andere Wissenschaftler experimentieren derzeit mit Zellkulturen, die als Testumgebung fĂĽr das Tumorgewebe eines Patienten dienen sollen. Noch Zukunftsmusik sind kĂĽnstlich erzeugte Testorgane, deren Immunsystem mit dem des Patienten identisch sind.

Don Ingber, Direktor des Wyss Institut for Biologically Inspired Engineering an der Harvard University, sieht aber auch für solche Therapieansätze, die außerhalb des Patientenkörpers beginnen, einige Probleme. Das ist zum einen die Wandlungsfähigkeit von Krebszellen. Es ist durchaus möglich, dass die Tumore, die sich im Maus-Avatar entwickeln, nicht mehr identisch sind mit dem Originaltumor des Patienten.

Das individuelle Immunsystem spielt für die Reaktion eines Körpers auf den Krebs eine erhebliche Rolle – diese Mäuse besäßen aber keines gegenüber dem Krebs. „Und das eigentliche Problem ist, dass es sich bei dem Avatar immer noch um eine Maus handelt“, so Ingber.

Champions Oncology hat seit 2007 Tumore von 350 Patienten in Maus-Avatare verpflanzt. Im Juni gab die Firma eine geplante Zusammenarbeit mit der Icahn School of Medicine am Mount Sinai-Krankenhaus in New York bekannt. Das soll Tumore von weiteren 100 Brustkrebspatienten liefern.

„Insgesamt scheinen die Versuche sehr überzeugende Daten zu liefern“, urteilt Justin Stebbing, der mit Champions Oncology für seine eigene Forschung zusammenarbeitet. Die seien aussagekräftig genug, dass man sich Versuche aufs Geratewohl mit teuren und toxischen Medikamenten sparen könne.

Allerdings funktioniert nicht jede Verpflanzung von Krebsgewebe. In knapp einem Drittel der Fälle bildete sich im Maus-Avatar kein Tumor. Entsteht er doch, gibt es noch ein anderes Problem: Die Tumore wachsen in Mäusen nicht schneller als im Menschen. Vier bis sechs Monate dauere es, bis die Medikamententests am Mausavatar verwertbare Resultate liefern können, sagt Ronnie Morris, Chef von Champions Oncology.

Manche Krebspatienten haben nicht mehr so viel Zeit. In einer Studie, die Stebbing im April im Fachblatt Cancer veröffentlicht hat, waren von 22 Hautkrebspatienten mit Maus-Avataren bereits neun gestorben, bevor die ersten Ergebnisse vorlagen.

(nbo)