Reise ins Herz des Internet

"Trailblazers" ist ein erhellendes Spiel: Es gewinnt, wer am besten surfen kann – aber auf die altmodische Art.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

"Trailblazers" ist ein erhellendes Spiel: Es gewinnt, wer am besten surfen kann – aber auf die altmodische Art.

Es ist wie früher. Ich meine: Wie ganz früher. Wie damals, als echte Computerfrieks noch ungestört durch die unendlichen Weiten des Cyberspace reiten konnten, so wie Gott es ursprünglich vorgesehen hatte. Männer mit der Lizenz zu löten, die wussten, wie man Primzahlen siebt und Superuser im Zentralrechner der Nasa wird – in einer Welt ohne Suchmaschinen, in der man sich durch das World Wide Web bewegte wie Tarzan, indem man sich von Link zu Link schwang.

Diese Art, das Netz zu durchqueren, ist Grundbedingung eines wunderbaren Spiels, das "Trailblazers" heißt und gerade in den USA Furore macht. Es ist "eine Reise ins Zentrum des Internets", schreibt das New Yorker Klatsch-Blog Gawker begeistert. Es geht darum, im Internet von einem Punkt zum anderen zu kommen, ohne eine Tastatur oder eine Suchmaschine zu benutzen – nur, indem man sich entlang von Links durch das Online-Universum klickt. Websurfen, old style. (Der Name des Spiels ist auch eine Anspielung auf die ersten Hochgeschwindigkeitsmodems, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren unter dem Markennamen TrailBlazer firmierten.)

Die Idee stammt, man höre und staune, aus Stuttgart. Im April 2010 luden die russische Netzkünstlerin Olia Lialina und Studierende ihres Interface-Design-Projektes "Beautiful Zeros and Ugly Ones" an der Stuttgarter Merz-Akademie zum ersten Live-Surf-Event unter dem Titel "Trailblazers – Surf the Classic Way". Der Mannschaftssport mit der Maus ist eine Rückbesinnung auf die Struktur des Netzes. Bei diesem Link-Hopping werden die merkwürdigsten Pfade eingeschlagen, die einen immer wieder an kuriose Punkte im Netz führen. Wer diese Art, sich durch die digitale Welt zu bewegen, noch im kleinen Finger hat, ist bei dem Wettsurfen fraglos im Vorteil. "Ich fühle mich gerechtfertigt", sagt ein Teilnehmer an einem New Yorker Trailblazers-Wettbewerb, "abertausende Stunden online zahlen sich endlich aus".

Die Aufgaben, die innerhalb einer vorgegebenen Zeit zu lösen sind, sehen so aus: Finde von der Website callahead.com (auf der mobile Toiletten angeboten werden) nur über Links zur New Yorker Cyberspace-Niederlassung der eigentlich in London beheimateten Kunstmesse Frieze Art Fair. Finde, zur Auflockerung, wo auch immer im Netz ein Bild von einem Globus. Oder: Finde von Amazon zu Facebook. Was sich ganz einfach anhört, beginnt mit der spannenden Frage: Wie komme ich aus Amazon überhaupt raus? Fast alle Links verweisen auf Seiten und Objekte innerhalb von Amazon.

Trailblazers macht anschaulich, was sich in den letzten Jahren im Netz verändert hat. Die weitverzweigte und verästelte Hypertextstruktur des Web wird durch Online-Moloche wie Amazon oder Facebook immer mehr in eine Ansammlung von Kuppelstädten verwandelt, wie man sie aus den Zukunftsromanen der Fünfzigerjahre kennt. Die großen, gläsernen Kuppeln sehen zwar hell und transparent aus, sie halten ihre Insassen aber wie in einer Schneekugel unter Verschluss. Wer beim Trailblazers-Spielen nach Wegen sucht, eines der großen Online-Angebote hinaus ins Netz zu verlassen, wird schnell sehen, wie schwierig das inzwischen geworden ist.

Kaum noch ein Link zeigt nach "außen". Die Betreiber wollen, dass die Nutzer bei ihnen bleiben und konsumieren. Das Flanieren und Entdecken im freien Netz verliert sich, so wie sich das Spazierengehen in den amerikanischen Städten verliert, in denen es keine Bürgersteige mehr an den Straßenrändern gibt, nur noch die Möglichkeit, sein Auto auf dem Parkplatz einer der vielen Shopping-Plazas abzustellen und einkaufen zu gehen. (bsc)