Der Futurist: Milz an Großhirn
Was wäre, wenn wir smarte Prothesen hätten?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Was wäre, wenn wir smarte Prothesen hätten?
Google ruhte sich nach dem Einstieg ins Smart-Home-Segment nicht lange aus. 2016 übernahm der digitale Gemischtwaren-Konzern mehrere aufstrebende Medizintechnik-Firmen. Alle Geräte erhielten Funkchips, GPS-Sender, verschiedenste Sensoren und Android als Betriebssystem. Bis dahin konnten sich Prothesen nur an Gangstile, Gehgeschwindigkeiten, unebenen Untergrund und Treppenstufen anpassen. Nun lernten sie, sich auf den Tagesablauf des Trägers einzustellen.
Natürlich kam Google auf diese Weise an noch mehr Nutzerdaten. Das Unternehmen interessierte sich vor allem für die Lebensgewohnheiten: Lagesensoren meldeten, wann die Prothesenträger aufstanden und schlafen gingen, ob sie aktiv oder Couchpotatoes waren. Mit diesen Infos konnte der Konzern nicht nur passende Werbung einblenden – etwa für Bier auf dem Smart TV, wenn gerade ein Fußballspiel lief –, sondern 2020 auch ins lukrative Versicherungsgeschäft einsteigen. Je ungesunder der Lebensstil, desto höher die Prämie.
Dazu kamen Spielereien wie die "Toe Protector"-App. Sie kommunizierte mit den Elektrofeld-Sensoren der Google-Beinprothese und warnte Träger vor Kollisionen – wohlgemerkt für den gesunden Zeh. Dazu kamen Tanzstunden-Apps, natürlich mit "Partner Toe Protector". Nachdem US-Präsidentin Hillary Clinton 2018 das "Human Immune Program" ausgerufen hatte, kamen smarte Elektroimplantate groß raus.
Sie verstärkten durch Stimulation von Nerven angebundene Immunorgane wie die Milz. Man startete auf dem Handy einfach die Anti-Grippe- oder -Allergie-App, und schon wurde die Ausschüttung der richtigen Immunzellen gefördert oder gebremst. 2022 dann der Paukenschlag: Der erste Patient erhielt unter großem Medien-Echo eine Multi-Google-Verpflanzung. Neben einer Handprothese und einem Sehimplantat bekam er einen Immunstimulator für seine beschädigte Milz. Der Konzern präsentierte ein neues Interface, das die Prothesen aufeinander abstimmte – um etwa die Hand-Augen-Koordination zu verbessern –, und verschmolz es mit seiner Sprachsteuerung sowie Google Translate.
Diese sollte eigentlich die Messwerte verständlich interpretieren. Doch weil das System überhastet eingeführt wurde, hatte ein deutscher Programmierer – Gerüchten zufolge ein Großneffe von Otto Waalkes – keine Zeit mehr, ein Scherz-Unterprogramm namens "Soost 2.0" zu entfernen. Dieses wies Prothesen und Implantaten anhand der Messwerte Persönlichkeiten zu.
Das Interface firmierte natürlich unter "Big brain". So bekam der verdutzte Patient vorlaute Nachrichten von seiner Milz, die sich nur mit dem Kommando "Halt dich raus aus dem Funkverkehr!" zur Ordnung rufen ließ. Als Google seinen Fauxpas einige Patienten später bemerkte und Soost 2.0 aus der Ferne löschte, beschwerten sich viele Nutzer. Sie hatten den unterhaltsamen Bug liebgewonnen.
Als unheimlich wurden dagegen die ersten medizinischen Nanoroboter empfunden, die Google 2030 mit Samsung auf den Markt brachte. Sie zirkulierten je nach Programmierung als rote oder weiße Blutkörperchen. Bei Profisportlern avancierte jedoch die rote Fraktion schnell zum Liebling. Unterm Stichwort Hardware-Doping tauschten sie in Foren Tipps und Quellen für frisierte Nanobots aus.
Die ersten Hardware Augmented Player flogen 2034 bei der Fußball-WM in China auf. Die Gastgeber hatten es überraschend ins Halbfinale geschafft, wo sie England dank künstlicher roter Blutkörperchen in Grund und Boden rannten. Daraufhin packten die wütenden Spieler von Angola aus, die aufgrund einer fehlerhaften Charge schon in der Gruppenphase ausgeschieden waren. Von da an mussten sich Sportler nicht nur einem Pinkeltest unterziehen, sondern sich auch mit einer Art Metalldetektor scannen lassen. (vsz)