Einigungs-Gerüchte treiben Microsoft-Aktienkurs hoch

Spekulationen um eine bevorstehende außergerichtliche Einigung im Anti-Trust-Prozess gegen Microsoft ließen den Kurs um acht Prozent steigen.

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Von
  • Wolfgang Stieler

Die jüngsten Gerüchte um eine bevorstehende außergerichtliche Einigung im Anti-Trust-Prozess gegen Microsoft haben den Aktienkurs des Software-Riesen um acht Prozent nach oben getrieben. Ausgelöst wurde die Euphorie durch eine Bericht des Wall Street Journal, das unter Berufung auf informierte Kreise gemeldet hatte, eine schnelle außergerichtliche Einigung sei nun doch möglich.

Zumindest eine Beschleunigung der außergerichtlichen Verhandlungen scheint tatsächlich möglich: Richter Thomas Penfield Jackson hatte die Kontrahenten am Dienstag zu einer Besprechung geladen. Allerdings sprechen Berichte von heute davon, Microsoft und das Justizministeriums nähmen in zentralen Punkten strikt gegensätzliche Positionen ein, sodass eine Einigung noch in weiter Ferne sei. Sowohl das US-Justizministerium als auch Microsoft bewahrten striktes Stillschweigen über den Inhalt des Treffens mit Richter Jackson; Beobachter rechnen aber damit, dass der Richter ein Urteil im Anti-Trust-Prozess schon in den nächsten Wochen verkünden will.

Die Spekulationen über eine außergerichtliche Einigung erhielten zusätzliche Nahrung durch Äußerungen des obersten US-Wettbewerbshüters Joel Klein. Er hatte vor einem Senatskommittee erklärt, jede Auflage für Microsofts Geschäftspolitik müsse den wettbewerbsbehindernden Geschäftspraktiken des Software-Giganten angemessen sein. Aus Kleins Äußerungen und den Informationen gut unterrichteter Kreise leiten Beobachter nun ab, dass die US-Regierung sich von der Forderung nach einer Zerschlagung Microsofts verabschiedet hat. Weil die Redmonder einer solchen Aufteilung freiwillig nie zugestimmt hätten, soll damit ein zentrales Hinderniss für eine außergerichtliche Einigung aus dem Weg geräumt sein.

Welche Seite den Dschungel aus Spekulationen und Gerüchten weiter gedüngt hat, ist unklar. Die Sprecherin des US-Justizministeriums Gina Talamona wies die Spekulationen über eine bevorstehende Einigung zurück: Jeder, der die Verhandlungen zu diesem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit kommentiere, betreibe nur Public Relation und sollte nicht ernst genommen werden. Auch ein Microsoft-Sprecher schloss das Software-Imperium als Quelle für die Gerüchte definitiv aus.

Beide Seiten pokern nicht nur direkt in den Einigungsverhandlungen, sondern auf mehreren Ebenen: Die US-Regierung kann zwar ziemlich sicher mit einem harten Urteil von Richter Jackson rechnen. Sie will durch eine außergerichtliche Einigung allerdings vermeiden, dass sich der Prozess in den Berufungsinstanzen jahrelang hinzieht, bevor irgendwelche Strafmaßnahmen überhaupt rechtswirksam werden. Microsoft dagegen versucht auf Zeit zu spielen: Solange noch Chancen auf ein Verhandlungsergebniss bestehen, scheint der Richter geneigt, sein Urteil noch weiter hinauszuschieben. Die politischen Karten könnten dann, so die Logik von Microsoft, nach der Präsidentenwahl in den USA neu gemischt werden. Besonders misstrauische Regierungsunterhändler vermuten zudem, der Software-Riese würde seine Verhandlungsbereitschaft nur vortäuschen. Ein kompromissbereiter Software-Konzern könnte den Richter auch dann milde stimmen, wenn die Verhandlungen selbst scheitern. (wst)