Bakterien auf Rezept

Bei schwerem Durchfall therapieren Ärzte immer öfter mit einer unorthodoxen Methode – dem Stuhl gesunder Spender. Sie hoffen, dass die Behandlung auch gegen chronische Darmkrankheiten hilft.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler
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Bei schwerem Durchfall therapieren Ärzte immer öfter mit einer unorthodoxen Methode – dem Stuhl gesunder Spender. Sie hoffen, dass die Behandlung auch gegen chronische Darmkrankheiten hilft.

Normalerweise ist es ein schlechtes Zeichen, wenn Ärzte eine medizinische Studie abbrechen müssen. Heißt das doch meist: Die Therapie hat versagt, sie ist nicht wirksamer als ein Placebo oder eine andere Behandlung. Doch für niederländische Forscher von der Universitätsklinik Amsterdam war es ein großer Erfolg, als sie 2012 verfrüht aufhören mussten. Nachdem erst ein Drittel der geplanten 120 Patienten behandelt worden war, signalisierte ihnen das Kontrollgremium bereits:

Es wäre unethisch, die Behandlung den beiden Vergleichsgruppen vorzuenthalten. Die Ärzte um Els van Noods, Max Nieuwdorp und Josbert Keller hatten Patienten, die an einer schweren, vom Bakterium Clostridium difficile verursachten Darmentzündung litten, mit einer unorthodoxen Therapie behandelt: dem Stuhl gesunder Spender. Die Bakterien darin sollten die krank machenden Mikroben der Patienten vertreiben und das natürliche Gleichgewicht der Darmflora wiederherstellen. Das gelang glänzend: 13 von 16 Patienten befreite die sogenannte Stuhltransplantation bereits nach der ersten Behandlung von ihrem schweren Durchfall. Als Nebenwirkung beobachteten die Forscher nur vereinzelt leichte Verdauungsprobleme und Bauchkrämpfe am Tag der Therapie. Bei den Teilnehmern der beiden Kontrollgruppen hingegen, die das Standard-Antibiotikum Vancomycin erhalten hatten, waren nur sieben Patienten beschwerdefrei.

Stuhl als Medikament – das klingt zunächst reichlich unappetitlich. Doch die Idee ist alles andere als anrüchig. Es ist der schnellste und einfachste Weg, "nach einem Sturmschaden wiederaufzuforsten", wie es Alexander Loy, Leiter der Forschungsgruppe für mikrobielle Ökologie an der Universität Wien, gern formuliert. Wenn etwa starke Antibiotika durch das austarierte Ökosystem des Darms fegen, übernehmen oft resistente Schadbakterien die Regie – wie Clostridium difficile, das sonst als Minderheit ein Schattendasein führt. Das von ihm verursachte Leiden ist besonders in Krankenhäusern ein großes Problem. Der Infekt kann Patienten so stark schwächen, dass sie daran sterben: In den USA sind es jährlich 14000 Menschen.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erfasst nur die Zahl der Erkrankten in der EU, 2012 waren es etwa 124000. Die Standard-Antibiotikabehandlung gegen den Keim wirkt bei fast einem Viertel der Patienten nicht. Bei vielen anderen breitet er sich nach dem Absetzen sofort wieder aus. So entsteht ein Teufelskreis. Die Not ist so groß, dass sich verzweifelte Patienten, die keinen aufgeschlossenen Arzt oder eine Studie finden, mit ungeprüftem Stuhl selbst behandeln. Wer nach den Stichworten Fäkal- oder Stuhltransplantation sucht, findet schnell Foren, in denen Betroffene entsprechende Tipps austauschen. Doch dabei kann man sich Krankheiten wie eine Magen-Darm-Grippe oder Schlimmeres einfangen.

Über die Bedeutung einer gesunden Darmflora herrscht längst medizinischer Konsens. Sie ist vor allem für die Verdauung und das Immunsystem wichtig und spielt wohl auch für die Psyche eine wichtige Rolle. Experten vergleichen die Mikrobengemeinschaft sogar mit einem Organ. Ist es krank, führt das zu einer breiten Palette von Erkrankungen. Weltweit erforschen Wissenschaftler daher mit Hochdruck, welche Stämme besonders wichtig sind und entwickeln Bakterientherapien zur Behandlung von chronischen Erkrankungen. Inzwischen wurden fast 600 Patienten mit Clostridium-difficile-Infektion per Transplantation behandelt. Die Erfolge sind dank einer Heilungsrate von 90 Prozent unumstritten. Stuhl kommt aber nicht nur bei Bakterienaufständen zum Einsatz. Ärzte hoffen, dass er auch bei anderen chronischen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn helfen kann. Stuhltransplantationen werden dabei mittelfristig von appetitlicheren Verabreichungsformen wie Bakterienpillen abgelöst.

So unorthodox die Behandlung klingt, die Idee ist an sich nicht neu: Die erste publizierte Therapie zweier schwer erkrankter Patienten fand bereits 1958 statt. Danach geriet die Stuhltransplantation allerdings durch den Siegeszug der Antibiotika in Vergessenheit. Doch durch das Resistenzproblem rückt sie wieder in den Fokus. Gab es bislang hauptsächlich Fallstudien mit wenigen Patienten, in denen Ärzte die Möglichkeiten ohne hochwertige Studien ausgelotet hatten, ändert sich die Beweislage gerade. Die niederländische Studie war die erste größere Untersuchung, die einen Vergleich zu etablierten Behandlungen vornahm. Inzwischen sind weitere Studien angelaufen, bei denen die Therapien gegen eine Scheinbehandlung bestehen müssen und bei denen die Ärzte nicht wissen, welcher Patient was erhält. Es herrscht Aufbruchsstimmung, immer mehr Krankenhäuser steigen in die Behandlung ein.

Die Ärzte verabreichen dabei frischen, mit Kochsalzlösung verdünnten und gefilterten Spenderstuhl per Magen- oder Darmsonde. Davor untersuchen sie die Spender sorgfältig: Nur wer keine schweren Krankheiten wie Aids oder Hepatitis und keine Parasiten hat, kommt infrage. "Frischer Stuhl ist allerdings ein logistischer Albtraum", gibt Ilan Youngster vom Boston Children's Hospital zu. Das Zeitfenster, in dem das Material gesammelt, untersucht und verwendet werden muss, beträgt wenige Stunden. Damit mehr Betroffene von der Behandlung profitieren können, schlägt der Mediziner Biobanken mit eingefrorenem Stuhl vor. Youngster hat in einem Pilottest bei 20 Patienten untersucht, ob diese Tiefkühlvariante genauso wirksam ist wie die frische. 14 Patienten waren schon nach einer Stuhltransplantation kuriert, weitere vier nach der zweiten. Nur vier berichteten von leichten Bauchschmerzen und Blähungen.

Noch besser wäre eine einfache Bakterien-Pille. Aber auch daran arbeitet Ilan Youngster. Er untersucht diese Variante in einer kleinen klinischen Studie mit 20 Patienten. Die nötige Bakterienmenge passt in 15 Tabletten. Ummantelt sind sie mit Hypromellose, einem Polymer auf Cellulose-Basis, das in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie bereits eingesetzt wird. Es hält der sauren Magenumgebung stand und löst sich erst im neutralen Darm auf.