Verriss des Monats: Der Becher mit dem Rechner

Bitte ein Bit: Nun gibt es endlich auch die Möglichkeit, sich beim Trinken tracken zu lassen. Billig ist der Becher, der einem ein schlechtes Gewissen einflößen soll, nicht.

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Von
  • Peter Glaser

Bitte ein Bit: Nun gibt es endlich auch die Möglichkeit, sich beim Trinken tracken zu lassen. Billig ist der Becher, der einem ein schlechtes Gewissen einflößen soll, nicht.

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

In dem Film "Der Hofnarr" aus dem Jahr 1955 spielt Danny Kaye einen Ritter, der sich duellieren soll. In einen der zwei Becher, mit denen die Kombattanten vor dem Kampf anstoßen sollen, hat eine Hexe eine Giftpille appliziert. Anschließend versucht sie, dem etwas fahrigen Ritter einzubläuen, in welchem der Becher das Gift schwimmt: "Der Wein mit der Pille ist im Becher mit dem Fächer, der Pokal mit dem Portal hat den Wein gut und rein." Nicht einfach. Und es wird noch komplizierter, denn kurz darauf zerbricht der Pokal mit dem Portal und wird durch "einen Kelch mit einem Elch" ersetzt.

Die neue Eselsbrücke "Der Wein mit der Pille ist im Kelch mit dem Elch. Der Becher mit dem Fächer hat den Wein gut und rein" bekommt auch ein Spion des Gegners mit, aber nicht einmal er ist in der Lage, sich zu merken, was nun wo drin ist.

Hätte es damals schon Vessyl gegeben, den Becher, "der weiß, was in ihm ist", uns wäre eine unsterbliche Dialogstrecke der Filmgeschichte vorenthalten geblieben. Vielleicht ist es gut, dass die Zukunft des Trinkens aus Bechern erst jetzt da ist.

Vessyl ist das erste Konsumprodukt von Mark One, einer jungen Firma aus San Francisco, deren Erzeugnisse "informieren und inspirieren wollen, in Echtzeit gesundheitsbewusstere Entscheidungen treffen zu können." Der für einen Europäer übergroß anmutende Becher, eher eine Art enthauptete Thermoskanne, verfügt über Sensoren, die angeblich nicht nur Volumen, Schüttverhalten und Viskosität (Limo, Joghurt oder Smoothie?) erkennen können, sondern sogar die Gestränkemarke, sofern sie sich in der bechereigenen Datenbank findet. Gesundheitsbewusstere Entscheidungen treffen hieße dann etwa, angezeigt zu bekommen, wie vielen Würfeln Zucker der Süßegehalt in dem Energy-Drink entspricht, den man sich gerade eingegossen hat — und ihn (in Echtzeit) wegzuschütten.

Aber nein, so weit geht niemand in dem überaus stimmungsvollen PR-Video für das Gefäß, das an einen Satz aus dem Roman "A Small Town in Germany" des Thriller-Autors John le Carré erinnert: "A German would call it flott."

Man sieht zum Beispiel einen jungen Mann, der dem intelligenten Behälter versonnen zunickt, nachdem ihm dieser gerade in Leuchtschrift angezeigt hat, dass es Bier ist, was er da gerade eingegossen hat. BEER leuchtet es Buchstabe für Buchstabe an der Becherseite auf, man sieht förmlich die komplexe Maschinenintelligenz arbeiten, und "Hey! Hey!", singt die Musik im Hintergrund dazu. Hey, hey, denkt man sich, der Mann kann lesen, ich meine: das kann nicht jeder und schon gar nicht jeder hat einen Becher, mit dem er das in Echtzeit beweisen kann.

Immerhin kann jetzt jeder quasi im Vorbeigehen Flüssigkeitsanalysen durchführen, für die früher – zu John le Carrés Zeiten – teils ganze Geheimdienstabteilungen in Bewegung gesetzt werden mussten. Man braucht nun gar nicht mehr überwacht zu werden und kann sich stattdessen, wie man das von einer technologisch entwickelten Demokratie erwarten darf, selbst überwachen.

Im Dezember 2004 fiel jemandem bei NBC News auf, dass die CIA ein paar gute Ärzte sucht. Versteckt auf den hinteren Seiten des Journal of the American Medical Association fanden sich Stellenanzeigen der Agentur für Ärzte, die gern "medizinische Analysten" werden und ihre Fähigkeiten dazu einsetzen würden, "um die körperliche Gesundheit von ausländischen Politikern und Terroristen zu bewerten."

Der Job des medizinischen Analysten ist nicht neu. "Das geht auf den Kalten Krieg zurück", erklärt der Geheimdiensthistoriker Jeffrey T. Richelson. "Die Gesundheit von politischen Führern wird seit Jahrzehnten überwacht, das ist wesentlicher Bestandteil der biografischen Profile. ... Neben bekannten Namen werden Hunderte weiterer Führungspersönlichkeiten getrackt, Verbündete als auch Gegner." In seinem Buch "The Wizards of Langley" beschreibt er, welche Anstrengungen die CIA bei einem USA-Besuch des damaligen Sowjetführers Nikita Chruschtschow unternahm – unter anderem wurden die Abwasserleitungen der sowjetischen Botschaft in New York angezapft – um in den Besitz des Urins des Parteisekretärs zu gelangen.

Das englische vessel kann man schlicht mit Gefäß übersetzen, aber auch technischer mit Reaktor. Das -syl an dem alleinstellungsmodulierten Vessyl lässt sich vielleicht als ein -style mit verschlucktem t lesen, wobei eine interessante Frage ist, ob eine künftige Version des Vessyl denkbar wäre, die auch verschluckte Buchstaben erkennen kann.

Wie die Sensorik in dem Wunderbecher funktioniert, der 99 Dollar kostet, möchte Firmenchef Justin Lee nicht sagen. Mit seiner erdbeerroten Designerbrille gibt er stattdessen ein wortloses Statement ab, was seine Gestaltungsentschlossenheit betrifft. So ist der innen mit einem speziellen Glas beschichtete Plastikbecher beispielsweise nicht einfach rund, sondern seine Außenrundung durch dünne Längsstreifen facettiert. Das ergibt, wenn man es in einem Studio vor dunklem Hintergrund subtil ausleuchtet, einen trennscharfen Graustufeneffekt. Weniger subtil ausgeleuchtet, sieht der Becher in der Hand einfach aus wie ein Becher in einer Hand. Es gibt ihn in drei Farben (weiss, lichtgrau und dunkelgrau) und die Trinklippe um den Deckel herum und die Deckel selbst jeweils in acht Farben, die Namen wie Cabernet oder Island tragen, was soviel heißt wie: das Produkt lässt sich "personalisieren".

Einen Hinweis auf die pädagogische Durchschlagskraft des Trinktrackers geben hunderttausende von Fitnessgerätschaften für zu Hause, die unter Betten und in Garagen verstauben. Neu an Vessyl ist, dass die Geräte einen nun auch noch mit Banalitäten belästigen (man gießt ein Trinkjoghurt in einen Becher und er zeigt als Ergebnis seiner Berechnungn an, dass man sich gerade ein ein Trinkjoghurt eingegossen hat), über die man sich wesentlich einfacher und letztlich genauso wirkungslos anderswo informieren kann, siehe Energy-Drink.

Ende August hat Mark One bei einer Finanzierungsrunde von drei Risikokapitalgebern drei Millionen Dollar eingesammelt. Health Technology ist im Kommen. ()