Ein Grazer Raketenpionier
Vor 20 Jahren starb der österreichische Ingenieur Friedrich Schmiedl – der Erfinder der Postrakete. Anders als Wernher von Braun verweigerte er die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten.
- Peter Glaser
Vor 20 Jahren starb der österreichische Ingenieur Friedrich Schmiedl – der Erfinder der Postrakete. Anders als Wernher von Braun verweigerte er die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten.
Beim Stöbern auf eBay stieß ich auf Ausgaben einer altgedienten Zeitschrift namens "Archiv für Deutsche Postgeschichte". Der Anbieter hatte die Inhaltsverzeichnisse abgetippt, und in einer Ausgabe aus meinem Geburtsjahr 1957 war ein Artikel über die Erfindung der Postrakete verzeichnet. Ich interessiere mich für Raketen und kaufte das Heft. Postrakete. Eigenartig.
Mein Interesse an Raketen ist gewissermaßen angeboren. Ich bin 1957 in Graz geboren und genauso alt wie die Raumfahrt. 1957 schossen die Sowjets den ersten Sputnik in den Orbit und mit dem nachfolgenden Wettrennen um die Eroberung des Weltraums erfasste mich auch die zugehörige Technikbegeisterung. Mit dem Computer kam diese Technikbegeisterung später in einer neuen Welle wieder. Ihr wollte ich einmal auf den Grund gehen.
1930 wurde in Berlin-Reinickendorf von dem Feuerwerksfabrikanten Rudolf Nebel der ersten Raketenflugplatz der Welt gegründet. Betrieben wurde er von den Mitgliedern des privaten "Vereins für Raumschiffahrt", unter ihnen der Gymnasialprofessor Herrman Oberth, der 1923 seine Dissertation "Die Rakete zu den Planetenräumen" erfolgreich als Buch veröffentlicht hatte, der Südtiroler Max Valier, der an alles, was fahrbar war, Pulverraketen anmontierte, und der 20-jährige Student Wernher von Braun, Sohn des ehemaligen Reichsernährungsministers, der als Junge einen Polizeieinsatz ausgelöst hatte, nachdem ein Spielzeugauto, auf dem er eine Feuerwerksrakete befestigt hatte, durch den Tiergarten und in die Röcke einer spazierengehenden Dame gerast war.
Anfang der Dreissigerjahre begann sich das Heereswaffenamt für Raketen zu interessieren. Die Reichswehr suchte nach Möglichkeiten der Wiederbewaffnung, mit denen sich die Beschränkungen der Versailler Verträge aus dem 1. Weltkrieg umgehen ließen. Artillerie-Aufrüstung war den Deutschen verboten, aber von Raketen stand nichts in den Verträgen – als sie abgefasst wurden, gab es die Technik noch gar nicht. Die Raketenfreunde – nicht alle, allen voran aber Wernher von Braun –, ließen sich auf einen faustischen Pakt mit den Nationalsozialisten ein. Nebel war gegen die Zusammenarbeit mit dem Militär, konnte sich aber nicht durchzusetzen.
Der Rest ist Geschichte. Von Braun wurde Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, in der dann 15.000 Ingenieure und Techniker an einer Rakete arbeiteten, die Aggregat-4 hieß und von Propagandaminister Göbbels in V2 umbenannt wurde – Vergeltungswaffe 2. Bei der Massenproduktion der V2, die nach einem Bombenangriff auf Peenemünde im unterirdischen KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen stattfand, starben bis Kriegsende über 10.000 Zwangsarbeiter. Die V2 war die erste Waffe, bei deren Bau mehr Menschen ums Leben kamen als bei ihrem Einsatz.
Am 2. Februar 1931 startete der österreichische Chemiker und Bauingenieur Friedrich Schmiedl eine erste Versuchs-Postrakete mit 102 Poststücken vom Grazer Hausberg Schöckl aus nach dem benachbarten St. Radegund. An einem bunten Fallschirm, damit der Transport einfacher wiederzufinden war, ging die Ladung nieder. Schmiedls Postraketen machten weltweit Schlagzeilen. Den Testflügen lag die Idee zugrunde, dass mit der Rakete einst Post in schwer zugängliche Bergdörfer, entlegene Täler oder vielleicht sogar auf andere Kontinente befördert werden könnte. Schmiedl hatte auch Raumfahrtpläne, die allerdings in der Presse unerwähnt blieben.
Spätere Starts wurden immer auch von einigen japanische Studenten beobachtet, die davon ihrer Botschaft Bericht erstatteten – was dazu führte, dass Schmiedl 1932 von der japanischen Regierung einen Fünfjahresvertrag als Raketenforscher angeboten bekam. Da er befürchtete, seine Raketen könnten für militärische Zwecke verwendet werden, lehnte er – anders als Wernher von Braun in Berlin – das lukrative Angebot ab. Da die österreichische Post das Monopol auf die Postzustellung hielt, wäre eine Postraketen-Linie ohnehin nicht denkbar gewesen.
Um sich die kostenintensive Entwicklungsarbeit zu finanzieren, verkaufte Schmiedl eigene Vignetten und mitbeförderte Poststücke an Briefmarkensammler. Auf dem Spezialgebiet der Aerophilatelie werden Raketenpostbriefe noch heute hoch gehandelt.
Neben Messungen, Material- und Formtests fanden immer wieder erweiterte Experimente Platz in den Raketenflügen, etwa im September 1931 "R 1, erste offizielle Postrakete! Insekten an Bord" (alle Versuchstiere haben überlebt). Im Dezember 1935 wurde mit "N 6" die erste Rakete mit Flüssigtreibstoff verschossen, die Triebwerksvariante der Zukunft. Um Fälschungen und Nachdrucke seiner Raketenflugpost-Vignetten zu verhindern, ließ Schmiedl sich einiges einfallen. Es gab eigene Gummierung und Zähnung, Fluoreszenz und sogar eine Spritzlösung mit Pilzsporen. Im Januar 1934 kam mit einer Notverordnung der Generalpostdirektion zum Schutze der Österreichischen Postwertzeichen das Aus für die bescheidenen Einnahmen aus dem Verkauf seiner Raketenflugpost-Vignetten. 1935 fanden die vorerst letzten Raketenstarts statt.
Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland zerstörte Schmiedl sein Raketenlabor mit allen Messinstrumenten, Prüfgeräten und einer neuentwickelten Fernsteuerung für die Flugkörper. Er vernichtete fast alle seine Zeichnungen, Pläne, Entwürfe und Fotos, um zu verhindern, dass seine Raketen für Kriegszwecke eingesetzt werden.
Nach dem Krieg lernte er Jenny Stolleck kennen, die beiden heirateten im Februar 1949. Vom heimischen Grundstück in Kroisbach aus wurde eine Hochzeitsrakete gestartet. Am 11. September 1994 starb der Raketenpionier Friedrich Schmiedl im Alter von 92 Jahren in Graz und hinterließ der Stadt ein Millionenvermögen aus seinen Patenten. (bsc)