"Bei uns laufen jetzt zwölf Maschinen"
Der Chef des Quantencomputer-Start-ups D-Wave spricht im Interview mit Technology Review darüber, wie seine Rechner Wall-Street- und Gesundheitsfirmen helfen sollen.
- Tom Simonite
Der Chef des Quantencomputer-Start-ups D-Wave spricht im Interview mit Technology Review darüber, wie seine Rechner Wall-Street- und Gesundheitsfirmen helfen sollen.
Seit D-Wave Systems im Jahr 2007 den laut eigenen Angaben ersten Quantencomputer der Welt vorstellte, zog die kleine kanadische Firma allerlei Kontroversen an.
Maschinen, die dazu fähig sind, die Quantenphysik für Berechnungen zu nutzen, könnten eines Tages Probleme in Sekunden lösen, für die konventionelle Computer Millionen von Jahren brauchen. Doch ob die D-Wave-Rechner überhaupt solche Quantentricks nutzen, um Daten effizienter zu verarbeiten, gilt unter Fachleuten als umstritten.
Nichtsdestotrotz hat die Firma signifikante Investitionsmittel einwerben können und Verträge mit Firmen wie Google und Lockheed Martin geschlossen, die D-Wave-Quantencomputer für Forschungszwecke nutzen. Technology Review unterhielt sich mit D-Wave-Chef Vern Brownell über die Möglichkeiten der Technik und die Frage der praktischer Anwendungen.
Technology Review: Sie haben nun einige Generationen Ihrer Quantenprozessoren gebaut. Lassen sie sich mittlerweile zur Lösung echter Problemstellungen nutzen?
Vern Brownell: Bei uns laufen jetzt zwölf Maschinen. Ein paar von ihnen sind online; man kann über das Internet auf einen Rechner zugreifen. Es ist kein Produkt und nichts, was für jeden verfügbar wäre, aber wir haben Kunden, die reale Sachen mit den Rechnern anstellen, die Einfluss auf ihr Geschäft haben. Wir haben auch Ergebnisse gesehen, die besser sind als die klassischer Systeme. Kunden haben ihre Anwendung und integrierten Quantenberechnungen und sie werden leistungsfähiger.
In den nächsten paar Jahren werden wir der Welt mehr und mehr dieser Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Wir planen letztendlich einen Quanten-Cloud-Dienst, der dann von allen genutzt werden kann. Doch uns fehlt derzeit noch ein passender Satz an Software-Werkzeugen, das sogenannte Tool Set, der uns das erlauben würde. Wir müssen selbst die fortgeschrittensten Kunden noch eine ganze Weile an die Hand nehmen.
TR: Können Sie ein Beispiel geben, wofür Kunden die D-Wave-Maschinen verwenden?
Brownell: Die Firma 1Qbit nutzt Quantenrechner für Finanzdienste. Sie haben 20 Doktoren, die an Algorithmen für die Portfoliooptimierung und ähnliche Aufgaben arbeiten. Wir geben ihnen etwas Training und unsere Expertise mit, doch zumeist werkeln sie allein an dem Projekt. Wenn sie also einen tollen Algorithmus finden, der Wall-Street-Händlern einen Haufen Geld macht, ist das ihr geistiges Eigentum, nicht unseres.
Ein weiteres Beispiel wäre DNA-Seq, wo gerade eine Krebstherapie auf Basis neuer Medikamente entwickelt wird. Die Pharmafirma versucht, die molekularen Interaktionen von Proteinen, sogenannten Kinasen, zu verstehen. Das ist ein enorm schweres Rechenproblem. DNA-Seq nutzt zwar nicht nur Quantencomputer, doch sie glauben, dass diese ihnen einen Teil ihrer Arbeit erst ermöglichen.
TR: Außerhalb Ihrer Firma und Ihrer Partner ist man nach wie vor skeptisch, dass D-Wave überhaupt einen Quantencomputer hat.
Brownell: Die Leute konzentrieren sich mit Recht stark auf die von unseren Systemen vorliegenden Benchmarks. Ich denke, hier wird man in kurzer Zeit ein paar wichtige Ergebnisse unabhängiger Parteien sehen, die das zeigen, was wir schon die ganze Zeit sagen – wir können Geschwindigkeitsvorteile gegenüber klassischen Algorithmen in bestimmten, eng angelegten Fällen demonstrieren.
Diese neuen Ergebnisse stammen nicht von uns, es ist glaubwürdiger, wenn das einer unserer Partner übernimmt. Sie werden aber ein Meilenstein für uns sein. Für praktisches Quantencomputing gibt es bislang nur D-Wave. (bsc)