Der letzte Echte

Zum letzten mal passte beim W 124 der optische Anspruch zur Nachhaltigkeit der Konstruktion. Nach diesem "zeitlosen" Wurf begann auch Daimler der Mode nachzulaufen. Sicher ein Grund, aus dem vielen der W 124 als der letzte echte Mercedes gilt

vorlesen Druckansicht 31 Kommentare lesen
Erfolgs-Modell: Der Mercedes W 124 wird 30 Jahre alt
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • rhi
Inhaltsverzeichnis

Stuttgart, 2. Oktober 2014 – Wenn man sich klarmacht, dass die ersten W124 bereit sind für das H-Kennzeichen, fällt einem das Adjektiv "zeitlos" ein. Dass man es sich erst mal klarmachen muss, ist einerseits ein Zeichen für die formale Modernität. Andererseits war Mercedes' einstige obere Mittelklasse so beliebt und gleichzeitig auch noch haltbar genug, dass sie im Straßenbild präsenter ist als manches Auto, das erst deutlich später vorgestellt wurde. Heute zeigt sich: Hier passte zum letzten mal der optische Anspruch zur Nachhaltigkeit der Konstruktion. Danach begann man auch beim Daimler der Mode nachzulaufen. Das ist der Grund, aus dem vielen der W 124 als der letzte echte Mercedes gilt.

Vorgestellt wird die neue Limousine im November 1984. Im Lastenheft der Entwickler stand vor allem die Verbrauchssenkung weit oben, schließlich hatte die Spritpreise seit 1979 nochmals deutlich angezogen. Das Design des W 124 orientiert sich am kleinen Bruder, dem 190. Eines der 124er-Merkmale ist das an den seitlichen Oberkanten stark abgerundete Heck – eine der Maßnahmen, durch welche die Limousine einen cW-Wert von bis zu 0,29 erreicht. Nicht unumstritten sind die schrägen Innenkanten der Rückleuchten. So kann zwar der Kofferraumdeckel weit heruntergezogen werden. Trotzdem werden die im Zubehör erhältlichen Blenden für den Platz zwischen den Hecklampen zum Verkaufsschlager. Überhaupt wirkt der schmucklose W 124 im Vergleich zu seinem chrombeladenen Vorgänger auf viele traditionsbewusste Kunden befremdlich. Doch der Verzicht auf Holz innen und Chrom aussen war von Designchef Bruno Sacco bewusst gewählt. Umso stärker stört er sich an dem Facelift des Jahres 1989, als der 124er dann doch noch eine Menge Holz ins Cockpit bekommt und chromumrahmte Seitenleisten das äußere Erscheinungsbild verändern. Pikant: Gerade diese von Sacco gar nicht so sehr geschätzten Leisten bekommen den Namen "Sacco-Bretter".

Der letzte Echte (21 Bilder)

Der Mercedes W 124 wird 30 Jahre alt, hier als T-Modell, Limousine und Coupé.

Zu den Neuerungen des Mercedes W 124 gehören die so genannte Raumlenker-Hinterachse und der hubgesteuerte Panorama-Scheibenwischer. Er soll 86 Prozent der Fläche säubern, neigt aber anfangs zum Schmieren. Und auch die Verarbeitungsqualität sorgt zu Beginn der Karriere des W 124 für Probleme: Taxifahrer demonstrieren in Untertürkheim. Ein Problem der handgeschalteten Diesel ist der "Bonanza-Effekt", ein Aufschaukeln des gesamten Antriebsstrangs bei sorglosem Umgang mit dem Fahrpedal. Apropos Diesel: Die Motorenpalette reicht vom 200 D mit milden 72 PS bis zum neu konstruierten Reihen-Sechszylinder im 260 E (160 PS) und 300 E (180 PS).