Wasser marsch!

Mit einem gigantischen Kanalprojekt versucht China, seine Hauptstadt besser mit dem so wichtigen Nass zu versorgen.

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Von
  • Marcel Grzanna

Mit einem gigantischen Kanalprojekt versucht China, seine Hauptstadt besser mit dem so wichtigen Nass zu versorgen.

Der frühere chinesische Diktator Mao Zedong hatte eine Vision. Bereits Anfang der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts kam er auf die Idee, "das Wasser aus dem Süden zu borgen" und nach Norden in die chronisch trockenen nördlichen Provinzen zu leiten. Nun verwirklichen seine Nachfolger die Vision knapp 40 Jahre nach seinem Tod. In einem gigantischen Unterfangen wird die Hauptstadt Peking künftig mit Flusswasser aus dem Süden versorgt.

Nach mehr als zehn Jahren Konstruktionszeit ist seit Ende Oktober die mittlere von drei Routen eines dreiarmigen Wasserumleitungsprojekts eröffnet, die Pekings Dürre beenden soll. Der neue künstliche Fluss zweigt im Süden Wasser aus dem Danjiangkou-Reservoir ab, einem Stausee in der zentralchinesischen Hubei-Provinz. Von dort führt er 1264 Kilometer nach Norden. Er soll pro Jahr zunächst 9,5 Millionen Kubikmeter Wasser in die Region Peking transportieren. Die Topografie der mittleren Route kam den Ingenieuren entgegen. Das Wasser fließt aus dem Reservoir aus 147 Metern Höhe in einem weitgehend gleichmäßigen Gefälle auf gut 48 Meter hinunter.

Neben dieser mittleren Route gibt es noch eine Ost- und eine West-Variante. Der Bau der 1150 Kilometer langen Ostroute wurde bereits Ende 2013 abgeschlossen. Sie verbindet den Jangtse in der Provinz Jiangsu mit der Hafenstadt Tianjin. Dabei haben die Konstrukteure Teile des sogenannten Großen Kanals integriert, der schon vor 2000 Jahren zum Ausbau des Handels zwischen Nord- und Südchina angelegt wurde. 30 Pumpen waren nötig, um Steigungen von 60 Höhenmetern zu bewältigen.

Drei riesige Kanäle sollen Wasser nach Peking leiten (Legende: Rot - Zentralroute, Gelb - Westroute, Grün: Ostroute).

Die gut 500 Kilometer lange Westroute befindet sich noch in der Planungsphase. Sie soll Wasser aus dem tibetischen Hochplateau, das eigentlich für den Jangtse bestimmt ist, in den nördlichen Gelben Fluss leiten und damit die Versorgung der bedürftigen Provinzen westlich von Peking sicherstellen. Dieser Teil gilt als der riskanteste, weil ein halbes Dutzend Dämme gebaut werden müssen, die Erdbeben und Erdrutsche auslösen können.

Das Projekt ist weltweit beispiellos in seinem Ausmaß. Wenn alle drei Routen fertig sind, addieren sich die Wasserleitungen zu mehreren Tausend Kilometern. Sie bestehen aus Tunneln, Kanälen und Aquädukten und sollen insgesamt 44,8 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Jangtse und seinen Zuflüssen nach Norden spülen.

Die bisherigen Baukosten sind mit 79 Milliarden US-Dollar schon jetzt astronomisch und übersteigen das angesetzte Budget um ein Vielfaches. Kritiker argumentieren, man hätte das Geld in wassereffiziente Technologien investieren müssen, statt die industrielle Verschwendung zu unterstützen. Teuer wurden vor allem die Kreuzungen der Routen mit dem Gelben Fluss, nach dem Jangtse Chinas zweitlängster Strom. In zwei Tunneln von 4,5 Kilometern Länge fließt das umgeleitete Wasser 23 Meter tief unter dem Flussbett hindurch. Fast 17 Millionen Kubikmeter Sand mussten ausgehoben werden. Im östlichen Arm gräbt sich der Tunnel sogar 70 Meter tief unter dem Fluss hindurch.

Die größte Herausforderung für die Ingenieure war dabei das feuchte und weiche Erdreich. Sie mussten die Tunnel mit einer zweiten Schicht Betonringe ummanteln, um ein Eindringen von Wasser zu verhindern. Das schwere Gerät war nur mit speziellen Stützkonstruktionen auf dem weichen Untergrund einsetzbar. Am Ende verzögerte sich die Fertigstellung um Jahre.

Ob die jetzt eröffnete mittlere Route Pekings Wasserknappheit aber tatsächlich beendet, wird von Experten bezweifelt. Denn der Danjiangkou-Stausee, aus dem sich der künstliche Fluss speist, werde nicht genug Wasser liefern. "In niederschlagsarmen Jahren reicht sein Wasser gerade aus, um die anliegenden Städte zu versorgen und den Mindestpegel des Reservoirs zu halten, ohne sein Ökosystem zu gefährden", sagt Geologie-Professor Huo Yougang von der Jiaotong Universität in Xi'an. Huo erforscht seit Jahren die Folgen des Projekts für Mensch und Natur.

Um genug für die Abzweigung nach Norden zu haben, wurde der Damm erhöht, der das Danjiangkou-Reservoir aufstaut. Trotzdem sei das Wasservolumen im Stausee nicht größer als zuvor, betont Huo. Denn der zuführende Fluss spült Sand und Schlamm in den Stausee. Vor der Dammerhöhung hat das Wasser das Sediment in ausreichender Menge weiter Richtung Jangtse mitgenommen. Weil jetzt aber viel sauberes Wasser nach Norden fließen soll, wurde der Abfluss in den Jangtse deutlich reduziert. Sand und Schlamm setzten sich am Boden ab. (bsc)