Neue Hoffnung für Querschnittsgelähmte

Hilfszellen, die den Riechnerv des Menschen regenerieren lassen, könnten auch schwere Rückenmarksschäden heilen. Der erste Patient wurde erfolgreich behandelt.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Hilfszellen, die den Riechnerv des Menschen regenerieren lassen, könnten auch schwere Rückenmarksschäden heilen. Der erste Patient wurde erfolgreich behandelt.

Darek Fidykas altes Leben endet vor vier Jahren bei einem Überfall. Der Täter sticht mehrmals mit einem Messer auf ihn ein. Dabei durchtrennt er das Rückenmark des 38-jährigen Polen und zwingt ihn zu einem neuen, harten Leben im Rollstuhl. Ohne einen Weg zurück, denn bei so schweren Verletzungen gibt es meist keine Heilung. Er ist einer von weltweit drei Millionen Menschen mit einer Rückenmarksverletzung. Bei einigen Patienten bilden sich die Schäden mit der Zeit zurück, aber meist nur dann, wenn sie immer noch ein Restgefühl in den betroffenen Extremitäten hatten.

Neue experimentelle Therapien versuchen, Patienten per elektrische Stimulation des Rückenmarks wieder beweglich zu machen (siehe TR 11/2012).Das könnte zu einer wertvollen Behandlung werden, bedeutet aber keine Heilung. Zudem funktioniert es nur bei Patienten, die noch ein Restgefühl in den Beinen haben. Die erste Stammzell-Therapie wird ebenfalls bereits mit Querschnittsgelähmten getestet, aber nur solchen, deren Verletzung nicht länger als zwei Wochen zurückliegt.

Darek Fidyka sitzt bereits anderthalb Jahre im Rollstuhl, als er sein drittes Leben geschenkt bekommt. Heute kann der Pole wieder gehen. Langsam zwar und nur mit einem Rollator, aber aus eigener Kraft. BBC-Reporter Fergus Walsh hat seine Behandlung in einer Fernseh-Reportage begleitet, die am Dienstag in England gesendet wurde. Dass er wieder eigene Schritte machen kann, verdankt Fidyka der mutigen Idee des englischen Neurowissenschaftlers Geoffrey Raisman vom University College London und dem polnischen Neurochirurg Pawel Tabakow von der Medizinischen Universität in Breslau.

Raisman hatte nach jahrzehntelanger Forschung gelähmten Ratten ihre volle Beweglichkeit wiedergegeben: Er transplantierte ihnen spezielle Hilfszellen des Riechnervs in die verletzte Region des Rückenmarks. Die sogenannten olfaktorischen Hüllzellen sorgen entlang des Riechnervs dafür, dass dieser sich ein Leben lang regenerieren kann. Es ist der einzige Teil des Nervensystem, der das vermag.

Vor zwei Jahren schlägt Tabakow seinem Patienten Fidyka vor, ihn mit seinen eigenen Hüllzellen zu behandeln, die er aus einem der Riechkolben direkt unterhalb des Gehirns entnehmen will. Er hat die Methode zuvor als erster bei drei querschnittsgelähmten Patienten angewandt, um zu untersuchen, ob sie sicher ist. Keiner der Probanden meldet Nebenwirkungen, wie Tabakow und Raisman in dem Fachjournals „Cell Transplantation“ schreiben. In dieser Pilotstudie hatte der Neurochirurg allerdings zunächst nur Hüllzellen aus der Nasenschleimhaut der Patienten entnommen. Er weiß aber aus Raismans Ratten-Versuchen, dass die Zellen aus dem Riechkolben wohl erfolgversprechender sind.

Die Operation gelingt, obwohl sich während des Eingriffs herausstellt, dass sich die Enden von Fidykas durchtrenntem Rückenmarkt mehr als einen Zentimeter voneinander entfernt haben. Zwar scheint es noch eine schmale Brücke zu geben, doch die besteht aus Narbengewebe. Tabakow überbrückt die Lücke deshalb mit mehreren Nervenstreifen aus dem Knöchel des Patienten. Dieses soll als Führungsschiene für die neu aussprossenden Nervenenden dienen. Anschließend injiziert der Neurochirurg die Hüllzellen aus dem Riechkolben in Form von mehr als hundert Mikroinjektionen beidseits der Verletzungs ins Rückenmark. Er will sichergehen, dass möglichst viele sensorische und motorische Fasern versorgt werden.

Knapp vier Monate später fängt Fidyka an, seine Beine wieder zu spüren. Erst in Form winziger Stiche, dann kommen Kälte, Wärme und Druck hinzu. Parallel dazu legen seine Beine wieder Muskelmasse zu. Mit der Zeit kann er Übungen, für seine Beine zuvor passiv bewegt werden mussten, aus eigener Kraft ausführen und zum Beispiel die Pedalen eines Liegerades bewegen. Er gewinnt auch langsam die Kontrolle über seine Blasen- und Darmfunktion. Auch seine sexuelle Potenz kehrt zurück.

20 Monate nach der Operation macht Fidyka an zwei Stützbalken im Rehabilitationszentrum der Breslauer Uniklinik wieder erste eigene Schritte. „Wenn da nichts ist, wenn Sie die Hälfte Ihres Körpers nicht spüren können, fühlen Sie sich sehr hilflos und verloren. Aber wenn es anfängt zurückzukommen, fühlen Sie sich wie neu geboren“, beschreibt Fidyka seine Gefühle der BBC. Auch Neuroforscher Raismanist begeistert und hofft, „dass diese Prozedur ein Durchbruch ist, der nach weiteren Verbesserungen eine historische Veränderung für die hoffnungslosen Aussichten von Menschen mit Rückenmarksverletzungen bewirken kann.“

Fidykas Erfolge spornen auch seinen Arzt Pawel Tabakow an: „Seine Fortschritte motivieren mich sehr, weitere Operationen durchzuführen. Wir wissen, dass wir die Ergebnisse noch verbessern müssen. Aber wir haben eine Tür aufgestoßen“, sagt er. Die Wissenschaftler vermuten anhand der Magnetresonanztomografie-Aufnahmen, dass die durchtrennten Faserenden wie gehofft durch die Hüllzellen ausgesprosst sind und sich wieder verbunden haben. Das hatten bis dahin viele Experten für unmöglich gehalten. Was genau passiert ist, müssen die Forscher allerdings noch im Detail aufklären.

Zudem müssen sie untersuchen, ob sich der Erfolg wiederholen lässt und wollen im Rahmen einer klinischen Studie zehn weitere Patienten nach der neuen Methode operieren. Denn noch ist nicht sicher, das Fidykas langsame Genesung kein Einzelfall ist. Unabhängige Neurologen wie Wagih El Masri vom englischen Midlands Centre for Spinal Injuries sind vorsichtig optimistisch, warnen aber gleichzeitig vor übertriebenen Hoffnungen. Allzu oft hätten diese sich in der Vergangenheit für viele Patienten zerschlagen und es ihnen noch schwerer gemacht, mit ihrem Schicksal zurechtzukommen.

Diesen Sommer, zwei Jahre nach der Operation, macht sich Fidyka das erste Mal für einen Übungsspaziergang außerhalb des Breslauer Rehabilitationszentrums auf. In strahlendem Sonnenschein schiebt Fidyka einen Rollator vor sich her und setzt langsam aber beharrlich einen Schritt vor den anderen. Man sieht ihm an, wie anstrengend es ist. Aber Fidyka ist bereit, noch mehr zu üben: „Sie dürfen nie aufgeben, nie aufhören zu kämpfen.“ (vsz)