Verriss des Monats: Das Eliminier-Elixier
Essen ist Zeit- und Geldverschwendung, behauptet ein Jungunternehmer aus San Francisco. Mit seiner Erfindung ginge das alles bedeutend effizienter.
- Peter Glaser
Essen ist Zeit- und Geldverschwendung, behauptet ein Jungunternehmer aus San Francisco. Mit seiner Erfindung ginge das alles bedeutend effizienter.
Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
62 Prozent aller Amerikaner essen zu Mittag an ihrem Arbeitsplatz. Das traurige, pampige, halbrohe Material, das sie dort aus Styroporschalen, Pappkartons und bestenfalls Tupper-Dosen zu sich nehmen, kann man sich in Blogs wie Sad Desk Lunch ansehen. Eine Untergruppe der Arbeitsplatzesser – eine zunehmend große und einflussreiche Gruppe – sind die Nerds. Menschen, deren Arbeitsplatz der Hubraum um mindestens einen Rechner herum ist, egal, ob der nun zu Haus oder im Büro steht. Und so wie sich im wirklichen Leben ein Graben auftut zwischen bürgerlich-professionellen IT-Menschen und den hipsteresken, freakoiden Nerds, gibt es auch eine Trennlinie zwischen den unterschiedlichen, naja, Esskulturen.
Das essende IT-Individuum nimmt wennmöglich die Dienste einer Kantine in Anspruch, findet es unerwachsen, sich nur Auflagen auf die Pizza zu bestellen, die so flach sind, dass man die Pizza unter einer Tür durchschieben kann, und liest Blogs wie Cooking For Engineers. Im Grenzgebiet zwischen IT-lern und Nerds siedeln Informationsagglomerationen wie Steves NerdFitness, das, anders als man es bei dem Namen erwarten würde, von jeder Art Nahrungsergänzung oder Maschinentraining abrät. Den Nerds schließlich ist es schlicht um die Zeit leid, die für die Nahrungsaufnahme draufgeht. Sie überlegen, wie man diese biologische Altlast loswerden könnte, um den Menschen sozusagen auf eine neue Entwicklerstufe zu heben.
Warum haben sich Ziegelsteine bisher noch nicht als Nahrungsmittel durchgesetzt? Weil ihr Vitamingehalt zu gering ist. Robert Rhinehart scheint eine Möglichkeit gefunden zu haben, wie sich das ändern lässt. Man muss die Ziegelsteine pulverisieren und in Wasser auflösen. Man kann, wenn gerade keine pulverisierten Ziegelsteine zu Hand sind, auch andere Sachen nehmen, etwa pulverisierte Kohlehydrate (die Stärke aus Hafermehl), einen Schwung künstlicher Vitamine, Kalium, Kalzium, Magnesium, Eisen, Mangan, Phosphor, Fettsäuren und Proteine. In Wasser aufgelöst, ergibt das Ganze eine beige, cremige Flüssigkeit.
Rhinehart, der sich als "Ingenieur und Unternehmer" vorstellt, verkauft den Ziegelsteinpulverersatz unter der Markenbezeichnung "Soylent", eine ironische Anspielung auf den Film "Soylent Green" von 1973. In der frühen Öko-Dystopie wird eine übervölkerte, denaturierte Welt um die Jahrtausendewende gezeigt, die von einem Lebensmittelkonzern beherrscht wird (Soylent ist ein Kunstwort aus den englischen Bezeichungen für Soja – soy, und Linsen – lent). Am Ende stellt sich heraus, dass eine neue, extrem beliebte Sorte, eben Soylent Green, aus Menschenfleisch hergestellt wird.
Aber wenn man dem düsteren orwell'schen Begriff "Big Brother" eine Bedeutungsverschiebung ins Unterhaltsame geben kann, indem man eine Show so nennt, in der bekanntheitsbehinderte Menschen einander, in Containern gesperrt, ausgesetzt werden, kann man das auch mit Soylent. Spaß! Wobei Rhineharts Idee inzwischen ein ernstes Geschäft geworden ist. Eigentlich hat es mit einem anderen ernsten Geschäft begonnen. Ursprünglich wollte er mit zwei Freunden in San Francisco billige Mobilfunkmasten produzieren, aber ihrem Startup ging bald die Luft aus.
Jetzt produziert er billiges Nährmaterial, aber in seiner Vision schwebt immer noch das stofflos Ätherische wie beim Funk: Rhinehart träumt von einer Welt jenseits des Essens. Essen ist für ihn Geld- und Zeitverschwendung, und mancher Gamer auf Reddit folgt ihm da auf dem Fuße. "Mit gefällt diese Soylent-Idee für lange Gaming- oder Coding-Sessions", schreibt etwa "rdargar", schränkt dann allerdings ein: "Ich würde mir aber auch gern ab und zu ein Butter Chicken reintun." In europäischen Krankenhäusern kennt man solche hochkalorische Ersatznahrung, verfügbar in den Geschmacksrichtungen Erdbeerähnlich und Vanilleähnlich, unter der Bezeichnung Astronautenkost.
Rhinehart hat sich schon mal einen Monat lang nur von Soylent ernährt und zählt die Vorteile des beigen Breis auf, dessen Mischung er ausgetüftelt hat. Man könne seine Kreativität ganz auf die Arbeit konzentrieren, ohne sich um die lästige Beschaffung und zeitraubende Zubereitung von Essen kümmern zu müssen. Spart also Zeit, kennt man ja auch von den innovativen Gemüsereiben aus dem Teleshopping. Und es ist billiger als richtiges, also althergebrachtes Essen.
Rhinehart ist sich sicher, dass sein Sättigungspulver ein Segen für die dritte Welt wäre. Er ist nicht ganz so zynisch wie die Esoteriker, die behaupten, man könne sich von Licht ernähren und damit den Hunger auf der Welt in den Griff bekommen. Rhinehart sieht Bill und Melinda Gates, die sich dafür einsetzen, dass mehr Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Wasser bekommen, gewissermaßen als Vorhut. Denn wo Wasser ist, kann man auch Pulver reinrühren.
Bis heute isst Rhinehart nur ein, zwei normale Mahlzeiten die Woche und ernährt sich im übrigen von seinem Cocktail. "Sich nicht den Kopf über das Essen zerbrechen zu müssen, ist phantastisch", sagt er. Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda findet die Idee absurd. "Das Belohnungszentrum im Gehirn wird im Wesentlichen über das Essen gesteuert. Dieser Mann muss vollkommen geschmacks- und genussfrei sein – oder er holt sich seine Belohnung irgendwie anders."
Marvin Minsky, einer der Väter der Künstlichen Intelligenz, weiß, dass die Geisteskräfte nicht von der Nahrung allein herausgefordert werden. Das Essen mussein Geheimnis haben. Als Beispiel führt er an, weshalb Hacker so gern chinesisch essen, nämlich "weil das Essen durchnummeriert ist und sich so schön kryptisch anhört." ()