Mobile Datendienste: Gemeinsam stärker

Mobilfunkanbieter in Asien und den USA testen eine neue Funktechnik, mit der Smartphones die verfĂĽgbare Bandbreite intelligent untereinander aufteilen.

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Von
  • Tom Simonite

Mobilfunkanbieter in Asien und den USA testen eine neue Funktechnik, mit der Smartphones die verfĂĽgbare Bandbreite intelligent untereinander aufteilen.

Der chinesische Internet-Riese 21Vianet und mindestens zwei große Mobilfunkanbieter in den USA testen ein neues Verfahren, mit dem sich vorhandene Funknetze besser ausnutzen lassen sollen. In Hongkong startet die Technik bereits im nächsten Jahr.

Die Idee ist so einfach wie verlockend: Sobald ein Handy im Netzwerk ein zu schlechtes Signal hat, "borgt" es sich die Verbindung von einem in der Nähe befindlichen Gerät mit besserer Netzabdeckung – ganz automatisch mittels Kurzstreckenfunk nach dem WLAN-Standard. Das Verfahren, eine Variante der Mesh-Vernetzung, könnte bald auch in andere Länder kommen.

Laut dem Start-up M87, das die Grundlagen der Technik im texanischen Austin ausentwickelt hat, lassen sich so die Download-Geschwindigkeiten um 50 Prozent und mehr steigern. Das könnte sich insbesondere in Situationen als sinnvoll erweisen, in denen das Funksignal schwach ist – beispielsweise wenn jemand ein Handy in Innenräumen nutzt oder im Funkschatten von Hochhäusern zu surfen versucht.

M87 hat in diesem Jahr 3 Millionen US-Dollar an Investitionsmitteln eingesammelt, von denen ein Teil von 21Vianet und ein Teil vom amerikanischen Mobilfunkchip-Giganten Qualcomm stammte.

Noch hat das Verfahren allerdings einen Haken: Ein Gerät, das Bandbreite für andere Smartphones gerade "spendet", belastet den Akku. M87-Chef David Hampton meint aber, die dabei auftretenden Einbußen seien gering und Geräte ließen sich zudem so konfigurieren, dass das Verfahren nur dann aktiv ist, wenn noch mehr als 60 Prozent Batterieleistung zur Verfügung steht.

Ein typisches Szenario, bei dem die Technik helfen würde, wäre etwa, wenn ein Nutzer im hinteren Teil eines Cafés sitzt. Die Durchsatzrate ließe sich abrupt verbessern, sobald sich das Gerät mit dem Smartphone einer Person in der Nähe des Eingangs verbindet, wo ein besseres Signal anliegt – schließlich ist dort der Abstand zur nächsten Basisstation geringer. Innerhalb von Gebäuden können Smartphones laut Hampton über einer Entfernung von neun bis fünfzehn Metern miteinander Verbindung aufnehmen, in Außenbereichen sind es bis zu 55 Meter.

Damit die Technik eingesetzt werden kann, müssen die Mobilfunkanbieter eine spezielle Software auf die für ihr Netzwerk gedachten Geräte spielen. Diese läuft ständig im Hintergrund, überwacht das Funksignal und prüft, ob andere Handys in der Nähe sind, die die gleiche Software einsetzen.

Die Carrier können genaue Regeln festlegen, wann Geräte sich miteinander vernetzen dürfen und wann nicht. Hampton zufolge empfiehlt M87 Einstellungen, die dazu führen, dass ein durchschnittliches Gerät am Tag zehn Prozent oder weniger seiner Batterieleistung "verschenkt". Zudem soll es den Nutzern möglich sein, das Teilen der Bandbreite auch zu untersagen. Aktuell läuft die M87-Software nur auf Android-Geräten.

Pan Hui, Professor für Computerwissenschaften an der Hong Kong University of Science and Technology, hält die Technik für durchaus praktikabel– sieht aber auch einige Herausforderungen. So müsse etwa sicher gestellt sein, dass die über andere Geräte weitergeleiteten Daten geschützt blieben. M87 will hierfür Verschlüsselungsverfahren einsetzen, sagt Hampton.

Ein noch größeres Problem: Wie schafft man es, Nutzer dazu zu bringen, bei einem solchen Verfahren überhaupt mitzumachen – und dem eigenen Mobilfunkanbieter ebenso zu helfen wie anderen Nutzern? "Die Leute könnten sich fragen, warum sie ihre Akkulaufzeit und ihre Bandbreite opfern sollten", sagt hui.

Hampton räumt ein, dass Mobilfunkkunden sich zunächst mit der Idee anfreunden müssten. Doch die Carrier hätten eine große Motivation, die Technik ihren Nutzern schmackhaft zu machen. "Das könne etwa durch geschicktes Marketing geschehen oder durch spezielle Vorteile für alle, die mitmachen." (bsc)