Leuchtende Vorbilder

Anwendungen von Industrie 4.0 sind noch rar? Stimmt nicht, man muss nur genau hinschauen.

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Von
  • Bernd MĂĽller
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Anwendungen von Industrie 4.0 sind noch rar? Stimmt nicht, man muss nur genau hinschauen.

Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Wenn es nach dem Altbundeskanzler ginge, müssten zurzeit ganze Industriebranchen in geschlossenen Anstalten verbringen. Zum Beispiel die Maschinen- und Anlagenbauer sowie die Informationstechnik- und Softwarebranche. Die wollen ihr Knowhow bündeln und die Vision von Industrie 4.0 wahr machen – einer Fertigung, in der Maschinen, Bauteile, Transportbehälter intelligent und voll vernetzt sind und mittels Big Data und Cloud-Diensten ganz neue Wertschöpfungsketten bilden.

Wie gesagt: Das ist eine Vision, die von den drei großen Branchenverbänden VDMA, ZVEI und Bitkom propagiert wird und die immer mehr Anhänger findet – aber auch Kritiker. Müssen die Anhänger zum Arzt? Keinesfalls, denn an der Digitalisierung der Produktion führt kein Weg vorbei – das gestehen auch Skeptiker ein. 1,7 Prozent zusätzliches jährliches Wachstum liefert die Anwendung von Industrie-4.0-Methoden heute schon und jedes zweite ITK-Unternehmen arbeitet bereits an Industrie-4.0-Lösungen.

Die Frage ist, wie schnell der Umbruch kommt und in welcher Form. Und wie hoch man die Messlatte für Industrie 4.0 hängt. Versteht man darunter das, was die Verbände als Vision ausgeben, ist die deutsche Industrie noch meilenweit davon entfernt. Schaut man genauer hin, ist Industrie 4.0 in zahlreichen Betrieben bereits Realität. Nicht in Reinkultur, aber in Teilen. Wichtig fürs Verständnis: Es gibt keine scharfe Trennlinie, wo man sagen kann: Jetzt ist es Industrie 4.0, davor ist es Industrie 3.0.

Geht man derart vorurteilsfrei an das Thema heran, finden sich bereits viele Anwendungen von Industrie 4.0 in deutschen Betrieben. Dieser Artikel stellt einige vor.

Turnschuhe – ein Paradebeispiel für Massenfertigung

Ein Vorteil, den Industrie 4.0 bringen soll, ist die individualisierte Fertigung, Stichwort Losgröße 1 – Einzelanfertigung zu Preisen der Massenfertigung. Losgröße 1 und Fertigung in Asien – das passt allerdings nicht zusammen. Denn wenn ein Kunde ein individuelles Produkt bestellt, möchte er nicht wochenlang warten, bis ein Containerschiff die halbe Erde umrundet hat. Das gilt besonders für Konsumgüter, etwa für Turnschuhe, bisher ein Paradebeispiel für Massenfertigung in Billiglohnländern. Zwar gab es schon Versuche, über ein Webportal selbstdesignte Turnschuhe anzubieten, etwa von Nike, doch die Wartezeiten sind lang und die Preise hoch.

Adidas unternimmt nun einen neuen Anlauf. Im Projekt Speedfactory, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert wird, entwickelt der Sportartikelhersteller eine Maschine, die Turnschuhe sowohl in größeren Stückzahlen wie auch als Einzelstücke fertigen kann. Die Maschine soll verschiedene Materialien hochautomatisiert verarbeiten, allerdings immer in Kooperation mit dem Menschen. Das Unternehmen in Herzogenaurach macht keinen Hehl daraus, dass man langfristig aus der Massenfertigung in Asien aussteigen möchte, wo die Arbeitskosten in der letzten Zeit stark gestiegen sind. Um Qualität, Nachhaltigkeit und Individualität der Produkte zu steigern und um schneller auf Modetrends reagieren zu können, möchte man die Produktion wieder nach Europa holen beziehungsweise dorthin, wo die Kunden sind. Speedfactory-Maschinen könnten dann in kleineren Fabriken auf- und wieder abgebaut werden, immer der Nachfrage folgend. „Ich weiß noch nicht, wie die Ergebnisse genau aussehen werden, aber ich sehe enormes Potenzial“, sagt Gerd Manz, Senior Innovation Director bei Adidas.