Flache Hierarchien
In Industrie 4.0 wachsen Informationstechnologie und Maschinenbau zusammen. Software wird zum Innovationstreiber.
- Bernd MĂĽller
In Industrie 4.0 wachsen Informationstechnologie und Maschinenbau zusammen. Software wird zum Innovationstreiber.
Auf der Hannover Messe 2014 hatte Plamen Kiradjiev etliche, nicht immer positive Aha-Erlebnisse. Der Executive Architect für Industrie 4.0 führte am Stand der IBM Software Group die Entwicklungen des IT-Konzerns für Industrie 4.0 vor. Neben dem großen Interesse für das Thema und den interessanten Gesprächen hat Kiradjiev kostbare Erfahrungen und Nöte aus dem realen betrieblichen Leben mitnehmen können.
So wies der IT-Leiter eines Druckmaschinenherstellers die Notwendigkeit von Industrie 4.0 weit von sich und sah sein Unternehmen auf einer guten Position was den technischen Fortschritt angeht. Wie es der Zufall so will, kam am nächsten Tag ein Kunde dieses Unternehmens ebenfalls an den IBM-Stand und beklagte, dass er zur Konfiguration seiner Druckmaschine den Auftrag aus dem SAP-System ausdrucken und die Daten von Hand in die Maschine eingeben müsse. Einem Verfechter von Industrie 4.0 müssen solche Aussagen körperliche Schmerzen bereiten. Auch Plamen Kiradjiev findet die Haltung des Druckmaschinenherstellers unverständlich: "Der Ablauf der Geschäftsprozesse muss bis in die Maschine reichen."
Mehr als Kaffeetrinken
Der IBM-Experte wirbt wo er kann für Industrie 4.0 und lernt dabei gleichzeitig von den Industriekunden. Das Feld Industrie 4.0 ist für den IT-Konzern IBM relativ neu, ebenso für viele Maschinenbauer. In der Mitte, wo heute noch ein Knowhow-Vakuum herrscht, müssen sich beide Welten treffen. Denn für Kiradjiev ist klar: "Die großen Innovationen im Maschinenbau kommen aus der Synergie zwischen Maschinenbau und Informationstechnologie." Diese Erkenntnis versucht der IBM-Experte in Gesprächen zu vermitteln.
Mit dem Thema Industrie 4.0 bekomme man schnell einen Gesprächstermin, doch der Erfolg messe sich daran, ob nach dem Kaffeetrinken ein Folgetreffen mit dem einem Discovery Workshop stattfinde. Dabei gehe es um konkrete fachliche Szenarien mit Nutzen, Architektur und Implementierungsplan. "Dann machen wir eine Realisierung als Demonstrator oder Pilot, etwas das schnell die Vorteile sichtbar macht." Auf der Hannover Messe hat IBM einen 3D-Drucker gezeigt, der mit einem Webshop verbunden ist. Über eine App kann der Kunde einen dreidimensionalen, mit den eigenen Initialen versehenen Gegenstand direkt zur Produktion schicken. Die ganze IT-Kette von der Bestellung, über 3D-Druck bis zur Anzeige des Fertigungstands am Smartphone des Kunden ist aus einem Guss – so wie es die Vision von Industrie 4.0 vorsieht.
Damit verfolgt IBM eine duale Strategie: zum einen den evolutionären Ansatz, die existierende Masse an Altsystemen so auszurüsten, dass sie industrie-4.0-tauglich werden. Zum anderen stellt IBM den Maschinenherstellern Funktionalitäten in Form von Produkten und Komponenten zur Verfügung, die sie in ihren Cyber-Physical Systems direkt einbauen können. Vieles sei schon heute möglich, so der IBM-Experte, wenn man in der geschlossenen Welt der großen Anbieter bleibe. Deren Kunden könnten heute schon die integrierte Automation ziemlich weit treiben, sobald sie in dieser homogenen Welt bleiben. Doch so ist die Realität nicht. In den Betrieben herrscht ein Konglomerat an Automatisierungstechnik verschiedener Hersteller mit einem Gewirr an Standards. IBMs Ziel ist es, die einheitliche Sicht in dieser "Multi-Kulti"-Umgebung möglichst nah zu kommen. Deshalb setzt IBM, parallel zu den entstehenden einheitlichen Standards auf die Flexibilität bei der vertikalen und horizontalen Integration und bietet erprobte Software-Produkte und Lösungen dafür. Diese sind zwar für den Maschinenbau neu, jedoch seit Jahren in anderen Industriebranchen im Einsatz.