Der kontaktlos ferndiagnostizierte Mensch
Kameras messen den Puls, Lampen unsere Atmung: Der technische Fortschritt ermöglicht kontaktlose Ferndiagnose in immer mehr Bereichen. Aber auch die Möglichkeiten der Überwachung steigen.
- Martin Kölling
Kameras messen den Puls, Lampen unsere Atmung: Der technische Fortschritt ermöglicht kontaktlose Ferndiagnose in immer mehr Bereichen. Aber auch die Möglichkeiten der Überwachung steigen.
Chinesische Doktoren nahmen früher für sich in Anspruch, den Puls oder Gesundheitszustand auch ohne Berührung des Patienten beurteilen zu können. Ich hielt das – wenigstens beim Puls – schon immer für Blödsinn. Doch die Technik von heute macht die Ferndiagnose ohne Hand- oder Sensorkontakt in immer mehr Anwendungen möglich.
Das erste Mal stolperte ich voriges Jahr bei einer Robotergeschichte über das Thema. Panasonic hat seinen Krankenhausroboter Hospi zum audio-visuellen Kommunikator ausgebaut. Nur für Ferndiagnose würde er nicht taugen, sagte mir ein Entwickler. Der Grund: Die Farbwiedergabe der benutzten Kameras und Bildschirme sei nicht genau genug, um den Arzt bei der Diagnose zu unterstützen. Denn natürlich geben die Farbe der Haut, Augen und auch in einzelnen Fällen vielleicht auch der Geruch beispielsweise des Atems Hinweise auf die Erkrankung. An diesem Punkt ist also noch Arbeit notwendig.
Einen anderen Aspekt der Ferndiagnose hat Fujitsu gelöst. Auf der japanischen Elektronikmesse Ceatec stellte der Konzern ein System vor, das mit einer Kamera den Herzschlag und Puls vom Gesicht des Patienten ablesen kann. Kein Roboter muss dem Menschen einen Sensor anlegen oder hochempfindliche Finger entwickeln, kein Krankenpfleger die Hand auflegen, auf die Uhr schauen und mitzählen. Es funktioniert kontaktlos und kontinuierlich aus der Distanz. Neben Gesichts-, Müdigkeits- und Stimmungserkennung gewinnen simple Kameras immer weitere Anwendungen hinzu.
Ein anderes System der Fernüberwachung will der japanische Werkzeugmaschinenhersteller Union Tool auf den Markt bringen: eine LED-Lampe, die mit eingebautem Laser die Bewegungen bis hin zur nächtlichen Atmung des ihr anvertrauten Menschen misst. Fällt ein Patient, alarmiert das System die Pfleger oder die Familie – hört er auf zu atmen, die richtige Programmierung vorausgesetzt, vielleicht auch gleich den Priester. Mit dieser versteckten Technik wollen die Entwickler den Patienten das Gefühl nehmen, mit Kameras oder Sensoren überwacht und beobachtet zu werden.
Keine schlechte Idee, aber gleichzeitig auch eine etwas beunruhigende. Denn diese kleinen Erweiterungen der technischen Möglichkeiten summieren sich zu einem unsichtbaren Spinnennetz, das in der virtuellen und der realen Welt immer mehr über uns lernen kann, wenn dies denn vom Big Business oder der Regierung gewünscht wird.
Aber wie gesagt, wir merken es immer weniger. Dementsprechend gering dürfte unser Widerstand sein. Denn wie heißt es doch so schön: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. (bsc)