Kohle- und Atomstrom adé: Eon spaltet konventionelle Erzeugung ab

Der Strom- und Gaskonzern Eon steht vor dem größten Umbau seiner Konzerngeschichte. Das Unternehmen plant die Trennung vom Strom aus Kohle, Gas und Atomkraft. Die Energiewende hat damit erstmals einen Branchenriesen komplett aus den Angeln gehoben.

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Kohle- und Atomstrom adé: Eon spaltet konventionelle Erzeugung ab

(Bild: Eon)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Lessmann
  • dpa

Bis zum Sonntagabend schienen die Fronten in der Energiebranche in Deutschland noch halbwegs intakt: Auf der einen Seite die großen Konzerne um Eon, RWE & Co, die lange Zeit die Sirenen der Energiewende nur zögerlich wahrnahmen. Auf der anderen der zunehmende politische und gesellschaftliche Druck und viele kleine Mitspieler, die längst auf die erneuerbaren Energien setzen. Doch dann überraschte ausgerechnet Deutschlands Branchenprimus Eon die Fachwelt mit einer Nachricht spät am ersten Adventsonntag: "Die drastischen Veränderung der globalen Energiemärkte erfordern einen mutigen Neuanfang", erklärte Vorstandschef Johannes Teyssen in einer Mitteilung am Abend.

Was war geschehen? In einer Aufsichtsratssitzung hatten die Manager und Aufseher des Unternehmens beschlossen, die Reißleine zu ziehen. Der drückende Schuldenberg von 31 Milliarden Euro, den das Unternehmen während der Zeit von Teyssen-Vorgänger Wulf Bernotat durch einen scharfen Expansionskurs angehäuft hatte und seitdem mit sich schleppt, sowie die Energiewende, ausgelöst und beschleunigt durch den Reaktorunfall im japanischen Fukushima im März 2011, zwingen den Konzern zur Radikalkur. Hinzu kommt, dass das klassische Stromgeschäft wegen das wachsenden Anteils von Energie aus Wind und Sonne immer weniger Geld abwirft und viele Kraftwerke nur noch Verluste produzieren.

Jetzt soll Eon ein völlig neues Gesicht erhalten: So plant der Vorstand, den Konzern bis 2016 aufzuspalten. Der eine Teil, zukunftsgerichtet und wachstumsstark, soll sich ganz auf erneuerbare Energien, auf Energienetze und Kundenangebote konzentrieren. Dieser Teil soll weiterhin unter dem Namen Eon SE firmieren und rund 40.000 Menschen beschäftigen. "Wir wollen in allen Zielmärkten Klassenbester bei der Kundenzufriedenheit sein", legt Teyssen die Latte hoch.

Der andere Teil, Strom aus Kohle, Gas und später Atomkraft, der globale Energiehandel, Exploration und Produktion, soll abgespalten und an die Börse gebracht werden. Dieser Bereich war einmal die Keimzelle des Unternehmens, das früher einmal VEBA hieß. Die neue Gesellschaft mit rund 20.000 Beschäftigten soll ihren Sitz in der Region Rhein-Ruhr haben. Nicht ausgeschlossen, dass die Wahl der Manager auf Essen fällt. Von dort aus steuern die Düsseldorfer derzeit ihr weltweites Gas- und Handelsgeschäft.

Keine Auswirkungen soll die Neuausrichtung nach den Plänen des Vorstands unterdessen auf die Mitarbeiter haben, die in den vergangenen Jahren ohnehin schon durch ein Tal der Tränen gingen. Mehr als 10.000 Stellen weltweit fielen einem Sparprogramm zum Opfer, davon mehr als 6000 in Deutschland. Doch die neue Strategie soll nach dem Willen von Teyssen mithelfen, Jobs zu sichern. Der Umbau sei kein Programm "zum Abbau von Arbeitsplätzen", beteuert der Manager.

Aufsichtsratschef Werner Wenning, der sich mit Abspaltungen als ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Bayer-Konzerns bestens auskennt, zeigte sich am Abend zufrieden und hoch erfreut über den nun eingeschlagenen Kurs: Mitarbeiter und Investoren "erhalten so eine klare Perspektive in starken und zukunftsfähigen Unternehmen".

Für Konzernchef Teyssen, dessen Vertrag erst im vergangenen Jahr um fünf weitere Jahre bis 2018 verlängert worden war, beginnen nun die Umbauarbeiten. Das wird kein Zuckerschlecken. Die hohe Schuldenlast wird sich nicht auf einen Schlag verringern, auch wenn jetzt die Aktivitäten des Unternehmens in Spanien an den australischen Investor Macquarie zu einem Preis von 2,5 Milliarden Euro veräußert wurden. Eon steht vor einer längeren Durststrecke.

Das wird schon das laufende Geschäftsjahr zeigen. Wegen erheblicher Abschreibungen auf südeuropäische Geschäfte und auf Kraftwerke in Höhe von 4,5 Milliarden Euro wird Eon 2014 voraussichtlich mit tiefroten Zahlen abschließen. Aber durch die Wertminderungen fließt keine Liquidität aus dem Konzern. Trotzdem müssen sich die Aktionäre bei der Dividende voraussichtlich mit weniger begnügen: Für 2014 und 2015 soll es eine stabile Ausschüttung von 0,50 Euro geben. Das sind 0,10 Euro weniger als 2013. (anw)