Japans E-Ticket kommt auch in Deutschland in Mode

Schon seit 14 Jahren zahle ich meine Bahntickets mit einer elektronischen Geldkarte – und inzwischen auch Taxis und Einkäufe. Nun will eine deutsch-japanische Allianz einen internationalen Standard entwickeln, um der Idee auch in Europa zum Durchbruch zu verhelfen.

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Von
  • Martin Kölling

Schon seit 14 Jahren zahle ich meine Bahntickets mit einer elektronischen Geldkarte – und inzwischen auch Taxis und Einkäufe. Nun will eine deutsch-japanische Allianz einen internationalen Standard entwickeln, um der Idee auch in Europa zum Durchbruch zu verhelfen.

Mit Schrecken erinnere ich mich an zwei Begegnungen mit dem öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland. In Düsseldorf kam ich einmal mit einem 50-Euro-Schein in der Geldbörse am Flughafen an und hätte fast kein Ticket kaufen können. Denn deutsche Fahrkartenautomaten schlucken nicht wie japanische jedweden Schein. Selbst eine 20-Euro-Banknote kann einem hin und wieder zum Verhängnis werden, habe ich festgestellt.

Einen noch größeren Horror erlebte ich in Berlin am Bahnhof des Messegeländes. Die Bahnbetreiber hatten – wenn ich mich recht erinnere – zwei Fahrkartenautomaten aufgebaut, die mit einem gemächlichen Tempo druckten und Geld ausspuckten, das in Japan zu Volksaufständen geführt hätte. Wie gut, dass Deutschland vielleicht bald Japans E-Ticket bekommt, dachte ich jüngst beim Lesen dieser Nachricht.

Der "VDV eTicket Service" und die japanische Bahngesellschaft JR East wollen demnach gemeinsam einen Standard für elektronische Fahrkartenzahlsysteme über NFC (Nahfeldkommunikation) erarbeiten. Dann müssen Fahrgäste ihre Karte oder ihr Smartphone mit eingebautem Chip nur noch im Vorbeilaufen an einen Kartenleser halten und schon wird das Fahrgeld abgebucht. Kein Warten, kein Zögern, kein Kleingeld einwerfen, selbst bei flotter Gangart sollte es funktionieren.

Dass sich die Deutschen mit JR East zusammentun, hat einen einfachen Grund. In Japan hat sich ein ähnliches System seit seiner Einführung im Jahr 2001 zum Standard entwickelt. Allein JR East, zu dessen Einsatzgebiet Tokio gehört, hat inzwischen 42 Millionen "Suica" ausgegeben, in denen Sonys Felica-Chip Dienst tut. Zusätzlich fahren Millionen kompatibler Pasmo-Karten der U-Bahngesellschaften durch die Metropole plus all die anderen E-Ticket-Systeme im Rest Japans.

Und das Allerbeste: Die Geldkarte taugt nicht nur für Einzel-, sondern auch für Monatskarten, und noch besser für den Einkauf an Getränkeautomaten, Kiosken und inzwischen Kaufhäusern und die Bezahlung in Taxis. Darüber hinaus kann die Karte auch Zugangsdaten für Türen speichern oder als Mitarbeiterausweis dienen. Das System hat damit viele Nutznießer. Die Kunden gewinnen an Bequemlichkeit und die Bahngesellschaften neue Einnahmequellen.

Sie setzen sich damit nämlich nicht nur als Quasi-Bank im Zahlungsverkehr fest. Zusätzlich erhalten sie Zugriff auf die Verkehrswege ihrer Fahrgästen. Und diese Informationen lassen sich im Zeitalter der Big-Data-Analyse wunderbar versilbern. Denn nicht nur Lokalregierungen sind daran interessiert, weil sie Menschenströme besser verstehen und ihre Stadtplanung daran ausrichten können, sondern auch der Einzelhandel.

Eine Nebenwirkung ist natürlich, dass dieses elektronische System uns Menschen transparenter macht. Wenn ich mir meine Fahr- und Einkaufsgeschichte am Fahrkartenautomaten ausdrucken kann, hat selbstredend auch JR East Zugriff. Aber richtig Sorgen habe ich mir nie gemacht, da in meinem Fall meine Karte nicht unter meinem Namen läuft, sondern ich sie anonym gekauft habe. Mit der Wanderung der Chipkarte ins Handy (und dann womöglich noch der automatischen Aufladefunktion) droht die Anonymität allerdings etwas einfacher verloren zu gehen.

Ich bleibe daher bei meiner anonymen Karte, auch wenn dies bedeutet, dass ich sie immer wieder in Bar aufladen muss. Auf das noch anonymere Bargeld verzichte ich im Alltag zunehmend. Denn es ist nicht nur unpraktisch, sondern inzwischen kostet es auch mehr, seine Tickets in barer Münze zu bezahlen. Bequemlichkeit hat halt ihren Preis – die Weitergabe meines Bewegungsprofils – und dies bald womöglich grenzübergreifend. (bsc)