Fluglinien lernen das Handy zu lieben

Lange herrschte Funkstille an Bord von Passagierflugzeugen. Nun rüsten immer mehr Airlines ihre Kabinen mit breitbandigem WLAN aus – zum Nutzen der Kunden und der eigenen Bilanz.

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  • Alexander Stirn
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Lange herrschte Funkstille an Bord von Passagierflugzeugen. Nun rüsten immer mehr Airlines ihre Kabinen mit breitbandigem WLAN aus – zum Nutzen der Kunden und der eigenen Bilanz.

Einmal Internet: fünf Dollar. Ein aktueller Hollywoodfilm: sechs Dollar. Dazu ein Fläschchen Wein, serviert am Platz: acht Dollar. Alles nur einen Klick, nur einen Fingertipp entfernt.

Fluggesellschaften wie die amerikanische Delta Air Lines lassen sich ihren Service über den Wolken gut bezahlen. Und am liebsten hätten sie es, wenn Passagiere die Geräte, mit denen sie all das nutzen, anschauen und bestellen, auch noch selbst mitbringen: In immer mehr Flugzeugen haben die kleinen Monitore in den Rückenlehnen der Vordersitze ausgedient. Sie werden ersetzt durch die Smartphones, Tablets, Laptops der Fluggäste. Die Geräte sollen sich, meist über eine App, mit dem Bord-WLAN verbinden. Danach haben sie Zugriff auf das Unterhaltungsprogramm, das Internet – und natürlich auf Einkaufsangebote in zehn Kilometern Höhe.

Zwar gibt es heutzutage in vielen Flugzeugen schon einen drahtlosen Internetzugang – entweder über Satellit oder über eine direkte Verbindung zum Boden. Dieser ist aber meist langsam: Oft schaffen die Verbindungen nur wenige Megabit pro Sekunde, so viel wie ein schwacher DSL-Anschluss. Für Unterhaltungsangebote ist das viel zu wenig. "An Bord erwarten die Passagiere heutzutage für ihre tragbaren elektronischen Geräte ein ähnlich leistungsfähiges Angebot, wie sie es vom Flughafen her kennen", sagt Ralf God, Leiter des Instituts für Flugzeug-Kabinensysteme an der TU Hamburg-Harburg.

Den Airlines ist das recht: Durch Verzicht auf die eingebauten Monitore können sie Gewicht und Kosten sparen, durch die individuellen Angebote zusätzliches Geld verdienen. Und die Passagiere? Die sollen in Zukunft auch auf Kurz- und Mittelstreckenflügen, bei denen sie bislang auf Filme und Musik verzichten mussten, ein persönliches Unterhaltungsprogramm bekommen. Manchmal umsonst, oft nur gegen Gebühr.

Das US-Unternehmen Gogo, das als MarktfĂĽhrer unter anderem Delta mit drahtloser Unterhaltung versorgt, experimentiert bereits seit 2011 mit entsprechenden Systemen; inzwischen sind mehr als 1200 Flugzeuge mit "Gogo Vision" unterwegs. Flight Focus aus Singapur hat vergangenes Jahr begonnen, die Langstreckenflieger von Air China mit seinem System auszustatten. Das Schweizer Unternehmen OnAir kooperiert seit Mai mit Philippine Airlines. Und Lufthansa Systems hat seine eigene Entwicklung, BoardConnect genannt, mittlerweile in mehr als 90 Flugzeugen verbaut. Virgin Australia machte den Anfang, im Herbst sollen die ersten Maschinen der Lufthansa hinzukommen.

"Eine der großen Fragen, die sich Fluggesellschaften heutzutage stellen, lautet: Wie kann ich Gewicht an Bord einsparen?", sagt Norbert Müller, Senior Vice President für BoardConnect bei Lufthansa Systems. Jedes Kilogramm, das in Form von Kabeln und fest verbauten Monitoren herumgeschleppt werden muss, kostet Kerosin – und somit Geld.

Ein Unterhaltungssystem, das auf den mobilen Geräten der Passagiere läuft, ist dagegen deutlich leichter; es benötigt lediglich einen Server und mehrere Zugangspunkte fürs WLAN. Dadurch lassen sich nach Berechnungen von Lufthansa Systems bei einem klassischen Mittelstreckenjet wie der Boeing 737 rund 360 Kilogramm einsparen. Der jährliche Kerosinverbrauch pro Flugzeug geht um etwa 45 Tonnen zurück – das entspricht nach aktuellen Preisen gut 32000 Euro.

Zudem sind die drahtlosen Angebote deutlich günstiger in der Anschaffung: Ein klassisches In-Flight-Entertainment-System kostet ein bis zwei Millionen Dollar pro Langstreckenjet, rechnet Flight-Focus-Marketingchef Ciaran Bernard vor. Eine mobile Variante gibt es bereits für 150000 bis 200000 Dollar. So viel verschlingt bei fest installierten Systemen allein die jährliche Wartung. Damit lohnt sich ein individuelles Unterhaltungssystem für die meisten Gesellschaften auch auf Kurz- und Mittelstrecken.

Aber auch die neue Freiheit hat Grenzen. Ein Problem ist der Strom. Die Hersteller werden nicht komplett auf eine Verkabelung der Sitze verzichten können, sofern die Fluggäste nicht nach einigen Stunden auf schwarze Bildschirme starren sollen. Die heutigen Bordnetze stoßen allerdings an ihre Grenzen, wenn 300 Passagiere gleichzeitig ihre Geräte aufladen wollen. Der britische Luftfahrtkonzern BAE Systems tüftelt daher an einer Lösung, bei der Geräte, die besonders dringend Strom benötigen, überproportional viel Leistung zur Verfügung gestellt bekommen. Das letzte Wort dazu hat die Crew.

Das zweite Problem ist die Bandbreite: Die neuesten Systeme kommen dank leistungsfähigerer Antennen und Satelliten zwar auf etwa 70 Megabit pro Sekunde – allerdings stets für alle Passagiere im Flugzeug zusammen. Sobald ein paar Dutzend Menschen gleichzeitig Filme abrufen wollen, bricht das Netz zusammen. "Individuelles Videostreaming über eine satellitenbasierte Internetverbindung im Flugzeug macht aus heutiger Sicht keinen Sinn, da die Bandbreite für Video-on-Demand für alle Passagiere nicht ausreicht", sagt Norbert Müller. Aus demselben Grund sind meist auch Dienste wie Voice over IP über das Bordnetz blockiert. Das gesamte Entertainment-Programm lagert auf einem Server an Bord.