Chinas neue Saat
Wie kein anderes Land fördert die chinesische Regierung die Forschung an genveränderten Lebensmittelpflanzen. Das Land will sich damit für die Zukunft absichern. Es könnte bald den Weltmarkt für transgene Pflanzen dominieren.
- David Talbot
Wie kein anderes Land fördert die chinesische Regierung die Forschung an genveränderten Lebensmittelpflanzen. Das Land will sich damit für die Zukunft absichern. Es könnte bald den Weltmarkt für transgene Pflanzen dominieren.
Es ist ein heißes, versmogtes Juli-Wochenende in Peking. Am Eingang zur Verbotenen Stadt drängen sich Zehntausende verschwitzter Touristen. Aber nur wenige kommen zur Ostseite der Stadt, zum ruhiger gelegenen Landwirtschaftsmuseum. Mehrere Regierungsgebäude sind inmitten glitzernder Teiche arrangiert, samt Lotuspflanzen in voller Blüte. Die zum Agrarministerium gehörende Anlage verspricht, Besucher mit „der glanzvollen Agrargeschichte Chinas“ vertraut zu machen. Doch was in der offiziellen Präsentation fehlt, ist mindestens so aufschlussreich wie das, was gezeigt wird.
Vor mindestens 9000 Jahren begannen die damaligen Bewohner Chinas als Erste, Reis zu kultivieren und ausgefeilte Bewässerungssysteme zu entwickeln. Heute ist Reis die wichtigste Feldfrucht der Nation – und der halben Welt. Doch zwischen 1958 und 1961 führten Maos Landreformen zum Zusammenbruch der Nahrungsversorgung. Aber nicht nur über diesen Teil der Vergangenheit mit ihren 45 Millionen Verhungerten schweigt das Museum sich aus. Unerwähnt bleibt auch, wie sich die Regierenden die Zukunft der Landwirtschaft vorstellen – und damit das umstrittenste Agrarprodukt unserer Zeit: genetisch modifizierte Organismen, kurz GMOs.
Immerhin ist eine Gen-Kanone aus den 1990er-Jahren ausgestellt, mit der man DNA-beschichtete Partikel unter Hochdruck in Pflanzenzellen schoss, um die ersten transgenen Kulturen zu erzeugen. Und ein Exponat zeigt einen Pflanzenstängel, der für den größten Erfolg dieses GMO-Ansatzes steht: Bt-Baumwolle. Die Pflanze enthält Erbgut aus einem für Insekten schädlichen Bodenbakterium. Chinas Landwirte pflanzen die Sorte seit 15 Jahren in großem Umfang an, konnten damit die Produktion stark erhöhen und gleichzeitig den Einsatz von Pestiziden senken. Inzwischen stellt die Pflanze 90 Prozent der Baumwollernte. Laut Schätzungen bringt sie den Landwirten jährliche Zugewinne von einer Milliarde US-Dollar. Doch die Geschichtsstunde endet in den 2000er-Jahren.
Chinas regierende Kommunistische Partei ist bei dem Thema sehr vorsichtig geworden. Sie sieht sich zunehmender Opposition gegen GMOs ausgesetzt. Wie in jeder anderen Nation zweifelt die Bevölkerung an der Sicherheit gentechnisch veränderter Nahrung. Trotz steigender Mengen an importiertem genmodifizierten Mais und Soja für die Futtermast hält sich die chinesische Regierung zurück, wenn es um die Zulassung neuer GM-Futterpflanzen geht. Aktuell wachsen (mit Ausnahme einer virus-resistenten Papaya) keine gentechnisch veränderten Lebensmittel in China, nicht einmal als Tierfutter.
Trotzdem lässt die Regierung weiter an GMOs forschen. Nach einer in „Nature Biotechnology“ veröffentlichten Zählung sind derzeit 378 chinesische Forschergruppen mit Tausenden von Wissenschaftlern involviert. Die Regierung will bis 2020 rund vier Milliarden Dollar für GMOs ausgeben. Tausende von Pflanzenlinien untersuchen die Wissenschaftler parallel.
Inzwischen sei das Land sogar die Nummer eins bei den Investitionen in grüne Genomforschung und gentechnischer Manipulation von Pflanzen, sagt Scott Rozelle, China-Forscher und Experte für Ernährungssicherung am Freeman-Spogli-Institut für Internationale Studien der Universität Stanford. Während weder die USA noch multinationale Unternehmen große Forschungsmittel für Pflanzenbiotechnologie ausgeben, „macht China unbeirrt weiter“, so Rozelle. Noch sei das Land zwar in der Lage, sich selbst zu ernähren. „Doch sie pumpen weiter Geld in diese Projekte. Tun sie das aus Liebe zur Wissenschaft? Nein, sie sorgen für einen Regentag vor – oder besser gesagt für einen Nicht-Regen-Tag. Und wenn dieser Tag kommt, werden sie vermutlich mehr GM-Technologien haben als jeder andere.“
(jlu)