Ein Telekom-Kandidat für das Direktorium der Internet-Verwaltung
Die ICANN legte nach der Schließung der Mitglieder-Registrierung die Kandidatenliste des eigenen Nominierungskomitees für die Wahl des Direktoriums vor.
Winfried Schüller von der Deutschen Telekom AG ist der erste offizielle deutsche Kandidat für die direkte Mitgliederwahl zum ICANN-Verwaltungsrat (Board of Directors). Schüller ist Direktor International IP-Services der Telekom, die sich ganz offensichtlich immer stärker in der Domain-Verwaltung engagiert und bereits als Sponsor verschiedener ICANN-Veranstaltungen aufgetreten ist. Zuletzt hatte sie für die Übersetzung der ICANN-Seiten zur so genannten At-Large-Wahl der Direktoren durch das Internet-Volk ins Deutsche gesorgt. Wie Deutschlands At-large-Mitglieder auf die Idee reagieren, einen Vertreter des marktbeherrschenden Onlinedienstes und Infrastrukturanbieters ins Board zu entsenden, bleibt allerdings abzuwarten.
Fast gleichzeitig mit der Veröffentlichung einer Statistik über die Wählerregistrierungen gab die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers bekannt, wen seine rund 160.000 neuen Mitglieder wählen könnten. Am gestrigen Dienstag Abend legte das siebenköpfige Nominierungskomittee eine Liste mit 18 Kandidaten vor, die seiner Meinung nach würdig sind, einen der fünf regionalen Direktorenposten einzunehmen. Die Namensliste reicht von Alan Levin und Nii Quanyor aus für Afrika bis zu Lyman Chapin, Donald Langenberg und Harris Miller für Nordamerika. Einer der bekanntesten Kandidaten dürfte der Standford-Jurist Lawrence Lessig (ebenfalls Nordamerika) sein.
Zu Europa fiel den Nominierern offensichtlich am meisten ein – für die Region Europa wurden fünf Kandidaten nominiert, die nach Ansicht des Komitees den Anforderungen genügen. Angeführt wird die Liste von der einzigen Frau unter ICANNs Vorschlägen, der Generalsekretärin der Internationalen Handelskammer Maria Livanos Cattaui, die als Griechin mit Schweizer Pass und Harvard-Abschluss allen Ansprüchen an Internationalität entsprechen müsste. Ihre vier männlichen Konkurrenten kommen alle aus dem Umfeld Forschung und Netzwerke. Alf Hansen ist Direktor von Uninett FAS in Trondheim und betreut die Registry des norwegischen NIC. Oliver Popov gelte, heißt es in ICANNS Pressemitteilung, als Schlüsselfigur beim Aufbau des Internets in Mazedonien. Er ist Informatikprofessor an der Universität von St. Cyril und Methodius, Präsident des Mazedonischen Forschungsnetzwerks und der Zentral- und Osteuropäischen Networking Assocication. Auch aus Frankreich kommt ein Kandidat vom Ex-Staatsmonopolisten: Olivier Muron ist Chef Entwicklungsabteilung für IP Technologie und E-Commerce bei France Telecom.
Die Kandidaten, die nicht aus Europa kommen, sind im einzelnen: Alan Levin (Sunesi - Digital Diagnostics Organisation, Südafrika), Nii Quanyor (Network Computer Systems, ISOC Ghana), Johannes Chiang (Chengchi University, Taiwan), Lulin Gao (Consultant East Venture Inc.), Masanobu Katoh (Fujiitsu, Forum for Global Information Infrastructure, GIIC), Sureswaran Ramadass (Universitii Sains Malaysia, Asia Pacific Advanced Networks, APAN), Ivan Moura Campos (Internet Steering Committee Brasilien, Akwan Information Technologies), Raul Echeberria (National Institute of Agricultural Research and E-Commerce Uruguay, LACNIC), Patricio Poblete (NIC Chile, University of Chile), Lyman Chapin (BBN Technology, IEEE), Donald Langenberg (University System of Maryland, NSF), Lawrence Lessig (Stanford Law School), Harris Miller (Information Technolgy Association of America, ITAA).
Der Umstand, dass das Nominierungskomitee so viele Europa-Kandidaten kürte – für die USA und Asien/Pazifik wurden vier, für Lateinamerika nur drei und für Afrika lediglich zwei Kandidaten benannt – wirft noch eine weitere Frage auf: Wieviele Kandidaten können die ICANN-Mitglieder nun in der zweiten Nominierungsphase bis 31. August selbst aufstellen? In Yokohama haben ICANNs amtierende Direktoren die Zahl der Kandidaten pro Region auf lediglich sieben festgelegt. Begründet wurde die Begrenzung mit Kapazitätsproblemen des ICANN-Büros, dass für jeden Kandidaten eine Homepage erstellen wird, um ihn der Wählerschaft zu präsentieren. Bleibt es dabei, könnten die 35.942 europäischen ICANN-Mitglieder lediglich zwei weitere Kandidaten benennen.
Allerdings haben es gerade die Europakandidaten auch nicht leicht, die Anmeldekriterien zu erfüllen. Entsprechend der von ICANN vorgegebenen Mindestzahl an Unterstützern – zwei Prozent der Region aus mindestens zwei Ländern – muss jeder europäische Kandidat mindestens 719 virtuelle Unterschriften sammeln. Nur in Asien ist die Hürde noch höher, durch den Spitzenplatz bei den Mitgliederzahlen (93.782) muss ein Bewerber über 1.800 Mitglieder für sich gewinnen können. Im Vergleich dazu: für Nordamerika genügen 431 Unterschriften (21.596 Mitglieder), für Lateinamerika 130 (6.486 Mitglieder), und in Afrika greift bei einer rechnerischen Zahl von nur 16 erforderlichen Unterstützern (787 Mitglieder) die Regelung, dass ein Minimum von 20 Unterschriften notwendig ist.
Seit gestern und bis zum 14. August nimmt das Nominierungskomitee nun die Vorschläge und Selbstbewerbungen entgegen, zwischen dem 15. und 31. August können sich dann die Mitglieder per CGI-Interface für einen der Kandidaten ihrer Wahlregion aussprechen. Am Ende werden die Kandidaten mit den meisten Unterstützern nominiert. Nur bei Stimmgleichheit könnte es mehr als sieben Kandidaturen geben, so die ICANN-Wahlregeln, und damit gibt es eine letzte Hintertür für Aktivisten, die gern mehr Kandidaten selbst bestimmen möchten: Sie müssten für Stimmgleichheit mehrerer Favoriten sorgen.
Eine Verlängerung der Registrierung für potenzielle ICANN-Mitglieder wird es übrigens nicht geben: Nach der Ablauf der Frist am 31. Juli schloss die ICANN wie geplant die entsprechende Site. Trotz der Schwierigkeiten, die viele Interessierte mit der Registrierung wegen Überlastung der Datenbank hatten, denkt die ICANN nicht an eine Ausdehnung des Registrierungszeitraums. In einer Erklärung spricht die Organisation von einem "überwältigenden Erfolg", da sich über 158.000 Nutzer registriert hätten – muss aber gleichzeitig auch zugeben, dass sie dies nicht erwartet und es deshalb technische Probleme gegeben habe. Das System sei für weniger als 10.000 Registrierungen eingerichtet gewesen – und trotz einiger Upgrades sei es mit der Nachfrage nicht zurecht gekommen. Eine Verlängerung der Registrierung sei aber nicht möglich, da man dann den Zeitplan für die Wahl der Direktoren durch die ICANN-Mitglieder nicht einhalten könne.
Warum allerdings die ICANN bei Millionen von Internet-Nutzern nur mit so wenigen Interessierten an der Wahl des Direktoriums gerechnet hat, darauf blieb sie die Antwort schuldig. Immerhin schränkt die geringe Anzahl von Wählern, die nun tatsächlich die At-large-Direktoren der ICANN bestimmen können, deren demokratische Legitimation weiter ein – noch über die verbreitete Kritik an den ICANN-Strukturen und den Modus der Wahl hinaus. (Monika Ermert) (jk)