Stillos mit Stiel

Achtung – es droht eine neue Modewelle: Die Selfie-Stangen kommen. Im Zeitalter des digitalen Narzissmus ist etwas nur noch wirklich passiert, wenn es als Selfie dokumentiert wurde.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Achtung – es droht eine neue Modewelle: Die Selfie-Stangen kommen. Im Zeitalter des digitalen Narzissmus ist etwas nur noch wirklich passiert, wenn es als Selfie dokumentiert wurde.

Hierzulande sind die Ego-Sticks mit denen man Selfies von sich ohne Armreste im Bild machen kann noch recht selten. Aber ich war über Weihnachten und Neujahr in Italien und in Rom oder Verona konnte man keine zwei Meter gehen, ohne nicht von fünf verschiedenen Straßenhändlern Selfie-Stangen angeboten zu bekommen.

Ich gebe zu Fantasien entwickelt zu haben, in denen ich eine solche Stange kaufte und sie als Prügel zweckentfremdete. Erst recht als ich – vorwiegend asiatische – Touristen damit überall herumfuchteln sah. Grins grins vor Kolosseum – Stange hoch, klick. Grins grins vor Forum Romanum – Stange hoch, klick. Es ist die moderne Version der „I was here“-Kritzeleien längst vergangener, analoger Zeiten. Man war erst wirklich irgendwo, wenn man es als Selfie dokumentiert hat – möglichst bei Facebook.

Das nervt nicht nur, es macht auch unglaublich traurig. Haben sich die Extrem-Fotografierer die Orte zuvor auch fast nur noch ausschlieĂźlich auf dem Bildschirm ihrer Digitalkamera angesehen, statt sie in sich aufzunehmen, sie zu spĂĽren und Erinnerungen an sie zu bilden, drehen die Selfie-Knipser den Orten nun nur noch den RĂĽcken zu. Metaphorischer geht es kaum noch.

Mit den Selfie-Stangen stirbt auĂźerdem auch eine Tugend: Seine Mitmenschen anzusprechen und sie bitten, ein Foto zu machen. Willkommen im Zeitalter des total vernetzten semipermeablen Ichs. (jlu)