Gut gebrüllt, New York?

Der US-Bundesstaat verbietet Selfies mit Großkatzen. Das soll aber nicht die Menschen schützen.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der US-Bundesstaat verbietet Selfies mit Großkatzen. Das soll aber nicht die Menschen schützen.

Was reitet junge Männer in den USA, sich reihenweise neben Tigern zu knipsen und die Bilder im Internet hochzuladen? Mit der Hand oder gar dem Kopf auf dem Tier lehnend? Die Antwort von TV-Komödiant Steven Colbert: „Es zeigt, dass du spontan bist und dir nicht endlos den Kopf zerbrichst.“ Er spielt darauf an, dass sich solche Fotos auf Partnervermittlungs-Webseiten wie OKCupid und Tinder häufen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dem Wall Street Journal zufolge schätzen einige Userinnen, dass sie auf jedem zehnten Profil Tiger-Bildern begegnen. Befragte Männer gaben an, bei Frauenprofilen seien die Bilder zwar auch vorhanden, aber eher selten.

Ab Februar soll im Bundesstaat New York nun Schluss sein mit der Spontaneität, egal sie ob sie Tiger oder andere Großkatzen involviert: Ein neues Gesetz verbietet den direkten Kontakt von Privatpersonen mit ihnen. Das schließt auch den Fall mit ein, dass man sich sehr nahe beim Tier befindet, ohne dass eine Barriere dazwischen ist. Beim Erstvergehen kostet es 500 Dollar, beim zweiten Mal rund 1000 Dollar.

Die von der Presse salopp Tiger-Selfie-Gesetz getaufte Regulierung soll aber nicht lebensmüde Menschen vor sich selbst schützen, wie es auf den ersten Blick scheint. Tatsächlich handelt es sich um eine Ergänzung zum Umweltschutzgesetz und soll diejenigen bestrafen, die den Kontakt und damit auch Fotos ermöglichen: etwa Betreibern von kleinen Reise-Zoos, Jahrmärkten und Shopping-Centern. In bestimmten Regionen der USA sind sogar die private Zucht etwa von Tigern und ihr Privatbesitz erlaubt. Die New Yorker Abgeordnete Linda Rosenthal will explizit nicht die Foto-Knipser belangen. Sie habe erst nach dem Einreichen des Gesetzesentwurfs von dem Phänomen erfahren. Wo die Bilder aufgenommen worden seien, ließe sich eh schwer herausfinden.

Es ist übrigens nicht von ungefähr, dass die Tiere auf vielen Bildern schlafend aussehen und sich nicht um die Männer neben sich kümmern. Sie sind oft ruhiggestellt, denn offenbar ist auch den Organisatoren klar, dass man die Instinkte der Tiere besser nicht unterschätzen sollte. Und weil vor allem das Geschäft mit Tierbabys recht einträglich zu sein scheint, werden diese oft schon früh von der Mutter getrennt und nicht immer artgerecht versorgt. Also gut gebrüllt, New York?

Das Gesetz spricht davon, dass die Nachfrage nach direktem Kontakt zum einem konstanten Nachschub von Tierbabys geführt hat, die oft an dem Stress durch das Anfassen und dem konstanten Reisen sterben sowie später durch brutale Trainingsmethoden oder dem schmerzhaften Entfernen der Krallen leiden. Eine Quelle dieser Nachfrage scheint es austrocknen zu wollen. Besser wäre ein landesweites Verbot der Zurschaustellung exotischer Großkatzen außerhalb von zertifizierten Zoos (ob diese insgesamt eine gute Erfindung sind, soll hier nicht diskutiert werden), der Privatzucht und des Privatzbesitzes der Tiere.

Das Problem wurde natürlich nicht durch Smartphones geschaffen, sondern ist viel älter. Vor New York haben bereits andere US-Bundesstaaten wie Kansas, Mississippi und Arizona ähnliche Gesetze erlassen. Doch die neue Technik, die Selbstporträts enorm erleichtert und die Attraktivität von Dating-Websites haben es vermutlich verschärft. Userinnen finden die Großkatzen-Fotos indes schon länger eher abtörnend und kommentieren die Bilder entsprechend. (vsz)