Post aus Japan: Herziges Handy
Warum müssen Smartphones immer cool aussehen? Ein Netzanbieter in Japan wagt sich jetzt mit einem niedlichen Mobilgerät in Herzform in den Markt, das eigentlich nur telefonieren kann. Ein Plädoyer für Technikdesign mit Gefühl.
- Martin Kölling
Warum müssen Smartphones immer cool aussehen? Ein Netzanbieter in Japan wagt sich jetzt mit einem niedlichen Mobilgerät in Herzform in den Markt, das eigentlich nur telefonieren kann. Ein Plädoyer für Technikdesign mit Gefühl.
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Wenn es zum Design von moderner High Tech kommt, verfolgt die Welt bisher sozusagen einen Zen-Ansatz. Cool und glatt kommen die Geräte daher. Apple gibt dabei die Formensprache vor, an der sich der Rest der Produktdesigner und -tester nur zu gerne orientiert. Barocker Schick und Gefühle bleiben auf der Strecke.
Dass die Designer mit dieser ästhetischen Monokultur einem bedeutenden Teil der Kunden nicht aus der Seele sprechen, macht der florierende Markt für kitschige Smartphonehüllen deutlich. Vom Leopardenlook bis hin zum rosa Outfit mit Micky-Maus-Ohren, dem Geschmack sind keine Grenzen gesetzt. Wie erfrischend ist daher der Versuch des neuen japanischen Mobilnetzbetreibers Ymobile, Kitsch direkt ab Werk zu verkaufen: Das Unternehmen bietet ein Handteller kleines Mobiltelefon an, das wie ein Herz geformt ist.
Technisch ist es wahrlich keine Meisterleistung, sondern ein Stück Low Tech aus der mobilen Steinzeit. Nicht nur das Display ist mit einer Auflösung von 128 mal 36 Punkten eigentlich nur zum Anzeigen der Uhrzeit, des Sendesignals und Batteriestands geeignet. Auch die Gesprächszeit ist mit zwei Stunden recht kurz bemessen. E-Mails und Internet? Ebenfalls Fehlanzeige. Aber dafür soll es mit emotionalen Qualitäten punkten und als Modeartikel und "Gimmick" die Kundinnen ansprechen.
Die Designer haben daher einen netten Trick gewählt. Im Ruhezustand sieht das Handy daher wie ein Herz aus, das allerdings mit einem Dreh einer Herzhälfte in eine Art traditionelles Knochentelefon verwandelt werden kann. Als Herz ist es 68 Millimeter hoch, als Handy 93 Millimeter, aber dafür schlanker.
Ob das Produkt ein Erfolg wird, wird sich zeigen. Ich wenigstens hoffe, dass dies eine Vorbote fĂĽr einen neuen Designtrend ist: das Ende der kreativen Kastrierung. Es ist an der Zeit fĂĽr Produkte, die emotional mehr liefern. Warum kann ein Handy nicht auch das GefĂĽhl wie die Kuscheldecke von Charlie Browns Freund Linus vermitteln?
Als Anregung zur Sprengung des bisherigen engen geistigen Rahmens erinnere ich gerne an drei Ideen des japanischen Roboterexperten Hiroshi Ishiguro, über die ich in der TR-Ausgabe vom Mai 2013 berichtete und später in einem Blogbeitrag berichtete. Der Professor der Universität Osaka hat durch die Entwicklung eines maschinellen Doppelgängers von sich Reden gemacht. Aber inzwischen hat er eine Stufe erreicht, wo seine Grundlagenforschung wirklich nutzbare Produkte hervorbringt.
Mein Lieblingsbeispiel ist der Telepräsenzroboter Telenoid, der so etwas wie ein bewegliches überdimensioniertes Smartphone ist. Das Gerät ist so groß wie ein Säugling und sieht ein bisschen aus wie eine glatzköpfige Elfe mit Stummelärmchen. Durch Kameras in den Augen kann das Gerät seinen Halter identifizieren, während es synchron mit dem Gesprächspartner an der anderen Seite der virtuellen Strippe die Lippen bewegt und mit den Kopf wackelt.
Der Clou: Dadurch wirkt das Gerät lebendig, während sein abstraktes Gesicht es dem menschlichen Geist erlaubt, das Ebenbild des entfernten Gegenübers auf das Wesen zu projizieren. Zusätzlichen laden die weiche Silikonhaut und die beweglichen Stummelärmchen Telenoids zum Umarmen ein. Hiroshis Ziel ist, dem Telefonat emotional durch eine Art Körperkontakt menschlicher zu gestalten und ein Paradox der Telekommunikation zu überwinden. Wer kennt nicht das Gefühl, sich nach einem Ferngespräch mit entfernt lebenden Freunden oder Familienmitgliedern etwas leer oder gar unglücklich zu fühlen? Ich fand, es funktioniert. Natürlich nicht so gut wie ein herzliche Umarmung in Fleisch und Blut, aber besser als der Druck auf die Auflegen-Taste im Display.
Neben dem High-End-Produkt hat Ishiguro sogar zwei preiswertere Derivate entwickelt. Die eine ist eine ausgestopfte Nachbildung Telenoids aus Stoff, in die das Handy hineingesteckt werden kann. Man kann dann mit seinem Smartphone besser kuscheln. DarĂĽber hinaus hat er die Elfe noch mal auf ein Hand groĂźes vollwertiges Handy geschrumpft. Aber die Verhandlungen mit einem Netzanbieter scheiterten damals noch.
Doch vielleicht ist der herzige Tabubruch im Handydesign der Vorbote, unser Leben durch gefĂĽhlsselige Technik bereichern. Ich sehe Chancen fĂĽr einen Durchbruch, dem Wearables-Trend sei dank. Denn in der neuen Epoche darf das Smartphone ruhig von dĂĽmmeren Produkten umschwirrt werden, die andere BedĂĽrfnisse befriedigen.
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