Die digitale Handschrift
Wir schreiben kaum noch mit der Hand. Ein Roboter würde es übernehmen und kopiert Handschriften mit Stift und Füller ziemlich perfekt. Warum eigentlich nicht?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Wir schreiben kaum noch mit der Hand. Ein Roboter würde es übernehmen und kopiert Handschriften mit Stift und Füller ziemlich perfekt. Warum eigentlich nicht?
Schreiben Sie noch handschriftliche Briefe oder Karten? Ich tu’s zu hohen Feiertagen wie Weihnachten, Geburtstagen, Hochzeiten und Geburten. Allerdings schaffe ich meist nur den engeren Familien- und Freundeskreis. Alle anderen sind mir auch wichtig, sie bekommen aber leider „nur“ eCards und E-Mails. Mit der Hand zu schreiben gilt immer noch als Zeichen der Wertschätzung, als Besonderheit, dass man sich aus dem beschäftigten Alltag heraus extra Zeit genommen hat. Das ist auch gut so. Wenn man es denn schafft.
Vielen Freunden geht es ähnlich. Sogar die Generation meiner Eltern verschickt inzwischen mit Word getippte Weihnachtsbriefe und fügt ihnen ein paar persönliche Zeilen in Handschrift hinzu. Im Zweifelsfall ist es mir ist es wichtiger, mich bei besonderen Ereignissen elektronisch zu melden und wenigstens einmal im Jahr ein kleines Lebenszeichen zu schicken, als es gar nicht zu tun. Deshalb freue mich auch über jeden Dreizeiler von Freunden am anderen Ende der Welt, und wenn nur sinngemäß drin steht: „Hab viel um die Ohren, aber ich hoffe, es geht Dir gut.“ Wir mögen es schade finden, dass die echte Handschrift langsam verschwindet. Aber de facto tippen wir privat und berufsbedingt schon lange mehr als wir schreiben. Bald werden sogar die Schulen neben der Handschrift auch schnelle Tipptechniken lehren.
Was wäre nun, wenn ich beides haben könnte: Handschrift und das schnelle Tippen. Die Firma Bond in New York macht’s möglich. Ihr Roboter kopiert Handschriften ziemlich perfekt und schreibt mit echten Füllern oder Kugelschreibern. Aus einer gescannten Schriftprobe mit einigen Absätzen extrahiert das System nicht nur die individuellen Buchstabenformen, sondern auch andere Besonderheiten wie Wortabstand, wie man Buchstaben verbindet und wie nah man an die Ränder schreibt.
Fast-Company-Redakteurin Rebecca Greenfield hat es ausprobiert. Ihr Urteil: „Wenn ich genau hingucke, kann ich leichte Unterschiede zwischen der Bot-generierten Schrift und meiner Handschrift erkennen. Seine Schrift ist sauberer, methodischer, ein bisschen zu konsistent. Aber selbst mit diesen Abweichungen fangen die Worte ein, was mich [beim Schreiben] ausmacht.“ Damit es nicht zu perfekt aussieht, streut der Roboter wohl einige Variationen ein.
Die Idee gefällt mir ehrlich gesagt gut. Eine Karte schreiben zu lassen kostet nur knapp 2,99 Dollar (in großen Mengen, etwa für Unternehmen, nur 1,49). Aber so viel kosten ja oft schon die Geburtstagskarten aus dem Laden. Ich würde sogar jedem Empfänger offen zugeben, dass ich schreiben lasse. Mein Verdacht ist, dass die meisten sich gerne bewusst von meiner Robo-Handschrift täuschen lassen würden. Und es wäre ein interessantes Experiment, ob ich dann wieder längere Briefe schreiben würde. Ein Freund aus den USA schrieb neulich per Mail, er habe so lange nicht geschrieben, weil er auf genug Zeit für einen längeren, handschriftlichen Brief hofft.
Wenn ich also mit dem Bond-Bot mehr Menschen persönlicher erreichen könnte – weil das Tippen einfach schneller und auch mal zwischendurch in der Bahn geht – würde ich ihn wirklich gerne ausprobieren. Allerdings werde ich ihn wohl nicht so schnell beauftragen. Denn die satten Kosten von 199 Dollar für den Lernprozess des Bots sind ein ziemlicher Dealbreaker. Selbst wenn ich es als Investition in die Zukunft sehe.
Schade, denn da er aktiv schreibt, sähe das Ergebnis wohl bis hin zur Aufdruckstärke authentisch aus. Andere Dienste setzen dagegen auf Tastendruck nur digitale Schreibbuchstaben, die man dann ausdrucken muss. Das bietet etwa MyScriptFont an. Hier druckt man eine Musterseite aus, trägt seine Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen in Kästchen ein und scannt es ein. Wie gut das funktioniert, werde ich im nächsten Blog berichten. Denn immerhin wäre das schneller als der Schreibdienst von Bond. (vsz)