Raumschiff Enterprise, nur ohne Captain

Eine Firma ohne Boss, ohne Jobtitel und ohne Hierarchie klingt nach einem Rezept fĂĽr ziemliches Chaos. Trotzdem gibt es immer mehr Unternehmen, die sich an der Idee versuchen.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Eine Firma ohne Boss, ohne Jobtitel und ohne Hierarchie klingt nach einem Rezept fĂĽr ziemliches Chaos. Trotzdem gibt es immer mehr Unternehmen, die sich an der Idee versuchen.

Wer Gernot Pflüger ärgern will, nennt ihn Chef. Die CPP-Studios, die er vor über 20 Jahren gegründet hat, sind heute Event-Agentur, Designbüro und Erfinderwerkstatt unter einem Dach. Der Laden, der im Jahr etwa fünf Millionen Euro umsetzt, ist eine cheflose Firma. In ihr herrscht "Wirtschaftsdemokratie", wie Pflüger das nennt, wenn alle Mitarbeiter über alles gemeinschaftlich beschließen, etwa Neueinstellungen oder das Einheitsgehalt. Jeder hat nur eine Stimme, auch die beiden Inhaber Pflüger und Thomas Lutz (die mehr verdienen, weil sie das finanzielle Risiko tragen).

Einmal vor Jahren wurde das Gleichheitsprinzip in Frage gestellt. Ältere Mitarbeiter fanden es ungerecht, nicht mehr verdienen zu können als die Jungen. Nach langer Diskussion bekamen die Jungen ein Viertel weniger Geld, Folge: Sie gingen früher nach Hause, luden ihre Verantwortung bei den Älteren ab und es gab Streit. Danach wurde der Einheitslohn wieder eingeführt.

Andere Chefs suchen bei Pflüger Rat, wie sie ihre Firma demokratischer gestalten können. Das Rezept ist pragmatisch: Die Mitarbeiter sollen sich ihre Zeit selbst einteilen können, also auf Ergebnisse aus sein, nicht auf abgesessene Stunden. Teams sollten selbständig und nicht zu groß sein. "Entscheidend ist, dass jeder in der Gruppe noch die Kausalitäten erkennt.".

Das selbstorganisierte Unternehmen setzt Disziplin und die Bereitschaft zur Selbstverantwortung voraus. Ist das wirklich ein Modell für alle? Heiko Fischer gehört zu den Vordenkern der neuen Unternehmensform. Er leitete die Personalabteilung bei der Videospielschmiede Crytek aus Frankfurt, beziehungsweise: Er war damit beschäftigt, sein eigenes Ressort überflüssig zu machen. Bei Crytek machen nun die Teams, die an den Spielen arbeiten, auch ihre eigene Personalarbeit und stellen bei Bedarf einfach selbst neue Mitarbeiter ein.

Zuvor gibt es Beratung von Profis, wie man Personalkompetenzen selbst übernimmt. Ja, es kostet Zeit, "manche fangen in betrieblicher Demokratie bei null an", räumt Fischer ein. Aber erst wenn alle mitmachen, entsteht der produktive Sog, den echte Teilhabe bewirkt. Fischer verbreitet diese Ideen inzwischen auch jenseits der Spielebranche: "Das Thema hat Rückenwind. Sobald der erste Großkonzern einsteigt, geht es richtig los". Ein Raumschiff, das von einer eingeschworenen Mannschaft gesteuert wird, ist seine Lieblingsmetapher, wenn er seine Vision beschreiben soll: "Aus jedem willigen Betrieb kann man eine Art Enterprise machen".

Die erforderliche radikale Umstrukturierung scheint auch einigen großen US-amerikanischen Unternehmen gut zu bekommen. Der für seine Marke Goretex bekannte Textilhersteller W. L. Gore etwa ist seit Jahrzehnten (fast) hierarchiefrei. An die 8000 Mitarbeiter erwirtschaften bei Gore mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Ingenieure und Arbeiter wählen bedarfsweise selbst aus, wer quasi als temporärer Chef die Führung übernimmt und wer zuarbeitet. Kommandos von oben gibt es keine. Bei Gore sieht man das als Hauptgrund dafür, dass die Firma nach wie vor innovativ und mit frischen Ideen versorgt und dass sie als Arbeitgeber beliebt sei.

Dass der Einfluss von Hierarchien abnimmt, ist auch an Industrieriesen wie Google oder General Electric zu sehen. Der einflussreiche Wirtschaftswissenschaftler Gary Hamel ist der Ansicht, dass solchen Unternehmen die Zukunft gehört. Chefs bauen seiner Meinung nach Hierarchien vor allem deshalb immer weiter aus, um ihren Einfluss zu mehren und treue Untergebene zu belohnen. Wer an der Spitze einer solchen Kommandopyramide steht, trifft Entscheidungen, die mit dem, was an der Basis tatsächlich anliegt, kaum noch etwas zu tun haben.

In seinem Buch "Das Ende des Managements" schildert Hamel, wie Angestellten oft jahrelang auf einer Ebene festsitzen und ihre Motivation verlieren. Dass gute Ideen von unten nach oben zirkulieren, ist fast nicht möglich. Der Ökonom gibt deswegen den schlichten Rat: "Feuert die Führungskräfte." (bsc)