Post aus Japan: Der Reiz der Objektive
Auf der japanischen Fotomesse CP+ gibt es womöglich neue Stars. Objektive könnten Kameras die Schau stehlen. Zu Recht, denn sie sind ein wichtiger Teil in der epischen Schlacht zwischen analogen Meisterleistungen und digitaler Technik.
- Martin Kölling
Auf der japanischen Fotomesse CP+ gibt es womöglich neue Stars. Objektive könnten Kameras die Schau stehlen. Zu Recht, denn sie sind ein wichtiger Teil in der epischen Schlacht zwischen analogen Meisterleistungen und digitaler Technik.
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Bei der epischen Pixel- und Sensorschlacht im Kameramarkt wird oft eines vergessen: Für die Qualität von Bildern ist mehr verantwortlich als digitale Sensortechnik und das Können des Fotografen. Es ist auch das Objektiv, das mitzählt. Und zum Glück der Fotografen hat der Innovationsdrang der japanischen Kamerahersteller auch vor dem analogen Auge der Kamera nicht halt gemacht, wie ein Blick auf die japanische Fotomesse CP+ beweist, die am Donnerstag dieser Woche begonnen hat.
Immer mehr Hersteller bringen Objektive auf den Markt, die sich dank immer intelligenterer Konstruktion klein zusammenschieben lassen. Aber mein heimlicher Star ist bisher der rekordverdächtige Weitwinkelzoom von Canon, der eher eine Innovation der alten Schule ist. Auf einer Kamera mit einem Sensor im traditionellen Kleinbildformat (auch Full-Frame-Sensor genannt) deckt der die Brennweiten von 11 bis 24 Millimeter bei einer größten Blende von 1:4 ab.
Mit einem Gewicht von 1180 Gramm und einem Durchmesser von mehr als zehn Zentimetern ist das Gerät zwar ein Monster aus Glas und Metall. Aber dafür bietet es nach meinem Kenntnisstand mit 126,05 Grad den größten Blickwinkel ab, den ein Zoom-Objektiv mit gradliniger Darstellung von Perspektiven für Full-Frame-Kameras bisher geschafft hat. (Ein Objektiv von Sigma bietet unter ganz gewissen Umständen einen Tick Weitwinkel, aber nur für wenige Kameramodelle mit kleineren APS-C-Sensoren). Wer noch mehr Breite aufs Bild bringen will, muss schon stark gebogene oder kreisförmige Linien von Fisheye-Objektiven akzeptieren.
Auf dieses Produkt sind Canons Manager und Ingenieure ganz besonders stolz. Und nach ein paar Probeschüssen kann ich verstehen, warum. Aufgeschraubt auf eine der neuen Full-Frame-Spiegelreflexkameras des Konzerns habe ich im optischen Sucher kaum eine Verzerrung erkennen können. Und in dem neuen Digitalzeitalter, in dem die kamerainterne Korrektur optische Schwächen von Objektiven wie Verzerrung, Farbverschiebungen und so weiter wegrechnen, sticht diese Leistung umso deutlicher ins Auge.
Ich weiß dies daher zu schätzen, weil ich das MicroFourThirds-System von Panasonic und Olympus verwende, die sehr auf Rechenkünste setzen. Einige ihrer Objektive schneiden daher in Tests bei eingeschalteter interner Schönrechnerei recht gut ab, ohne allerdings weniger gut. Jedoch habe ich die analogen Schwächen der Linsen bewusst in Kauf genommen. Denn im digitalen Bild sehe ich sie nicht mehr. Aber dafür handle ich mir deutlich kleinere und leichtere Objektive ein. Schließlich muss verdammt viel schweres Glas höchstpräzise geschliffen und verbaut werden, um einem Objektiv ohne mathematische Rechenkünste Verzerrungen und Farbverschiebungen an kontrastreichen Kanten auszutreiben.
Doch ehrlich gesagt: Dieses Wissen um die digitale Korrektur nagt an meiner Produktzufriedenheit. Stattdessen ertappe ich mich dabei, dass mich analoge Meisterleistungen wie Canons neuer Super-Zoom mehr faszinieren als die neuen digitalen Pixelrekorde von den neuen Spiegelreflexkameras des Konzerns. Die sind mit mehr als 50 Millionen Bildpunkten bei der Auflösung mit besseren Mittelformatkameras auf Augenhöhe. Bisher führten Nikon und Sony die Rangliste mit 36 Millionen Pixeln an.
Für mich steht dieser Gefühlskonflikt für die epische Schlacht zwischen Analog- und Digitaltechnik, die besonders deutlich in der Kameraindustrie tobt. Der Vorstoß der Smartphones ließ den Absatz von Kompaktkameras im Jahr 2014 um mehr als ein Drittel kollabieren, zeigt eine Statistik der Vereinigung japanischer Kamerahersteller Cipa. Doch auch der Absatz von traditionellen Spiegelreflexkameras, die mit ihren analogen Spiegeln und Prismen das Licht durch einen optischen Sucher ins Auge lenken, sackte erstmals seit Beginn des Digitalkamerabooms ab – und dies gleich um fast 20 Prozent. Währenddessen behaupteten sich die neuen "digitaleren" Systemkameras mit Wechselobjektiven von Panasonic, Olympus, Sony und Samsung, die das Spiegelsystem durch den Bildschirm und manchmal auch durch elektronische Sucher ersetzen und dadurch kleiner als Spiegelreflexkameras gebaut werden können.
Dieser Trend folgt meiner alten Vorhersage, dass die Spiegelreflexkamera zum Dinosaurier der Digitalära zu werden droht. Doch beim Zeitrahmen des Aussterbens muss ich mich wohl nach hinten korrigieren. Denn ein tieferer Blick in die Statistik zeigt, dass noch Leben in dem Urwelttier steckt. Der Einbruch bei Kameras mit Wechselobjektiven geht vor allem auf Kosten der preiswerteren Einstiegsklasse. In der fotografischen Mittel- und Oberklasse hingegen bleibt der Absatz der Platzhirsche Canon und Nikon, die nur zögerlich spiegellose Kameras mit Wechselobjektiven auf den Markt bringen, noch recht stabil ist.
Hinter der Entwicklung steht meines Erachtens der Hang vieler Fotofans und -profis zur Perfektion. Auch wenn die kleineren Sensoren aufgeholt haben, liefern Full-Frame-Sensoren noch immer höhere Auflösung und Bildqualität. Und solange lediglich Sony spiegellose Full-Frame-Kameras anbietet, können sich Canon und Nikon ihren analogen Anachronismus in Form ihrer großen und schweren Spiegelreflexkameras leisten.
Beim Grund für die Zähigkeit der alten Kameratechnik schließt sich der Kreis zur Weiterentwicklung von Canons analogem Objektiv: Sowohl Canon als auch Nikon bieten immer noch das größere Angebot an hochwertigen Objektiven – und bauen es durch Innovationen weiter noch aus. Sony wird hingegen noch Jahre brauchen, um bei Objektiven in Breite und Qualität nachzuziehen und die letzte Bastion analoger Kameratechnik zu schleifen. ()