Streit um Genanalysen für Verbraucher
In den USA schreitet die Gesundheitsaufsicht gegen DNA-Analyseunternehmen ein. Endkunden sind verunsichert.
- Antonio Regalado
In den USA schreitet die Gesundheitsaufsicht gegen DNA-Analyseunternehmen ein. Endkunden sind verunsichert.
Nachdem die Kinderbuchautorin Meg DeBoe Weihnachten 2013 beschlossen hatte, 99 Dollar ihrer Ersparnisse für einen privaten DNA-Test bei 23andMe auszugeben, war sie enttäuscht: Die Ergebnisse enthielten keinerlei Aussagen dazu, wie hoch ihr genetisches Risiko war, an Alzheimer oder Herzleiden zu erkranken. Stattdessen informierte sie der Bericht nur über ihre genetische Abstammung, mögliche Verwandte und ethnische Wurzeln.
Der Grund für die Enttäuschung: Kurz zuvor, im November 2013, war die US-Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) gegen 23andMe vorgegangen. Die beliebten, direkt an Konsumenten verkauften DNA-Gesundheitsberichte des Unternehmens und seine schicken TV-Anzeigen seien illegal, befand die Behörde. Beides sei von ihr nie freigegeben worden.
DeBoe, die auch als Bloggerin arbeitet, fand trotzdem einen Weg zu den Gesundheitsinformationen, die sie wollte. Bei einem Webdienst namens Promethease konnte sie für fünf Dollar die von 23andMe gelieferten Rohdaten hochladen. Nach wenigen Minuten bekam sie einen Bericht, in dem ihre Gene in die Kategorien "gute Nachrichten" und "schlechte Nachrichten" eingeteilt waren.
Auch Zehntausende andere Menschen sind an derartigen Informationen über ihre genetischen Prädispositionen interessiert, und auch sie bringen ihre DNA-Daten zu wenig bekannten Web-Anbietern wie Promethease, Interpretome, LiveWello oder Genetic Genie. Anders als 23andMe bieten diese reine Datenanalysen an. Damit sind sie einstweilen zu den wichtigsten Anbietern von genetischen Gesundheitsinformationen geworden – und zum nächsten potenziellen Ziel nervöser Aufsichtsbehörden.
Gegründet wurde Promethease von Greg Lennon, einem Genetiker aus dem US-Bundesstaat Maryland, und dem Programmierer Mike Cariaso. Das Unternehmen vergleicht die DNA-Daten einer Person mit den Einträgen in SNPedia, einem viel genutzten öffentlichen Wiki zur Humangenetik, das die beiden Gründer vor acht Jahren eingerichtet haben und seitdem mit der Hilfe von ein paar Dutzend freiwilligen Redakteuren betreiben. SNPedia enthält Informationen über 57000 Genvarianten (bezeichnet als Einzel-Nukleotid-Polymorphismen, abgekürzt SNPs).
Die staatliche Datenbank dbSNP erfasst zwar Millionen von Variationen – da-runter aber viele, über die nichts Nähe-res bekannt ist. SNPedia hingegen konzentriert sich auf Variationen mit bekannten Folgen für den Menschen. Die Vorsicht der FDA bei menschlicher Genomik hängt damit zusammen, dass DNA-Daten inzwischen zwar leicht zu bekommen sind, ihre medizinische Bedeutung aber deutlich weniger klar ist. Die Idee war früher, dass Genotypen das Risiko, Krebs oder Herzprobleme zu bekommen, erkennen lassen. Doch die Risikoprognose ist heikel. Die meisten Gene sagen nichts Entscheidendes über eine Person – und falls doch, hätte man vielleicht besser einen Arzt bei sich, wenn man davon erfährt.
Trotzdem glaubt Lennon, dass seine Website vor der FDA sicher ist. Schließlich bietet er keine Testkits oder eigenen DNA-Tests an. Sein Dienst ist im Prinzip nur eine Literaturrecherche, die ausgibt, was in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu finden ist. "Wer uns regulieren will, müsste auch Medizin-Webseiten wie WebMD oder sogar Wikipedia schließen", sagt Lennon. Die FDA erklärte auf Nachfrage, sie habe das Recht, Software für das Interpretieren von Genomen zu regulieren, sogar wenn solche Angebote kostenlos sind.
Zu konkreten Fällen will sich die Behörde nicht äußern. Doch allgemein wird jede Regulierung schwierig werden, sagt Barbara Evans, Professorin am Law Center der University of Houston. Dienste wie Promethease könnten sich etwa auf das Recht zur freien Meinungsäußerung berufen, wenn Aufsichtsbehörden ihnen Vorgaben machen wollen.
Technology Review hat mehrere der reinen Auswertungsdienste getestet. Die DNA-Daten dafür stammten von anonymen Spendern im Personal Genome Project, einer von der Harvard Medical School gestarteten Initiative für den Austausch von Gendaten. Der Bericht von Promethease war der ausführlichste, auch wenn er mit seinem sperrigen, schmucklosen Design nicht leicht zu durchforsten ist. Nutzer bekommen Informationen über einzelne Gene, die laut der wissenschaftlichen Forschung ihr Risiko für Überreaktionen auf bestimmte Medikamente, häufige Krankheiten und bestimmte Charaktermerkmale wie Mangel an Empathie erhöhen oder verringern könnten.
Die präsentierten Informationen ähneln denen im verbotenen "Personal Genome Service" von 23andMe. Allerdings versucht Promethease nicht, die genetischen Risiken für irgendeine Krankheit in eine einzelne klare Zahl zusammenzufassen. Der Grund: "Wir wissen nicht, wie diese Sachen miteinander interagieren", sagt Lennon. Gleichzeitig findet er aber nicht, dass man die unsichere Aussagekraft von DNA-Informationen zum Anlass nehmen sollte, sie Laien vorzuenthalten. "Es wäre nicht vernünftig, davon auszugehen, dass es ein bestimmtes Datum wie den 18. Mai 2035 gäbe, ab dem man das Genom genau verstehen kann und jeder es sehen darf", erklärt er.
Einstweilen jedenfalls sind Verbraucher bei der Bewertung der Risiken weitgehend auf sich allein gestellt. Für die Bloggerin DeBoe bedeutete das, etwas "Perspektive und gesunden Menschenverstand" in den Promethease-Bericht zu bringen. Der Auswertung zufolge war ihr Risiko für Brustkrebs durch elf Genversionen erhöht und durch eine verringert. Aber sie war nicht erschrocken, weil sie bald feststellte, dass diese Konstellation nicht allzu selten ist. "Es ist keine Kristallkugel. Ich glaube, viele Leute machen den Fehler, das zu denken", sagt sie. Sie selbst habe sich eher für konkrete Fragen interessiert: Ob sie ein hohes Risiko oder eine Prädisposition für Herzerkrankungen, Diabetes oder Alzheimer habe. "Das ist nicht so, und das ist eine Erleichterung."
Um herauszufinden, ob die Erleichterung wirklich gerechtfertigt ist, wäre vielleicht die Hilfe eines ausgebildeten Genetikers erforderlich. Das zumindest ist aktuell die Haltung der FDA. DeBoe selbst ging mit ihrem Bericht nur zu ihrem Hausarzt. Weil darin stand, dass sie ein Gen für erhöhte Koffein-Empfindlichkeit hat, stimmte der Arzt zu, sie solle bei entkoffeiniertem Kaffee bleiben und auf Medikamente wie Novocain verzichten. "Ich glaube, genau so sollte man solche Angebote nutzen: als Einstieg in ein Gespräch mit professionellen Medizinern", sagt sie. (bsc)