Mit Notstrom zum Energieanbieter?

Mit ihren riesigen Batteriekapazitäten will die Telekom in das Energiegeschäft einsteigen. Ein Pilotprojekt läuft bereits.

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Von
  • Hans Dorsch

Mit ihren riesigen Batteriekapazitäten könnte die Telekom in das Energiegeschäft einsteigen. Ein Pilotprojekt lief bereits.

Bei Energieanbietern denken die meisten Deutschen wahrscheinlich nicht sofort an ein Telekommunikationsunternehmen. Dabei verfügt die Telekom über Techniken, die gerade in der Energiewende gefragt sind: Riesige Batterien, die als Notstromreserve zur Verfügung stehen, aber ebenso das Stromnetz stabilisieren können. Heiko Lehmann von den T-Labs der Telekom hat die technische Machbarkeit überprüft. "Mit der ererbten Infrastruktur sind wir gut aufgestellt für die neu dezentrale Energiewelt", meint der Research & Innovation Director Smart Energy auf dem Innovationskongress von Technology Review.

Die Telekom ist einer der größten Energieverbraucher in Deutschland mit 3,2 Terawattstunden Strom und Kosten von mehreren Hundert Millionen Euro im Jahr. Damit die Telekommunikationsanlagen zuverlässig und ausfallsicher funktionieren, unterhält das Unternehmen eine flächendeckende eigene Energieversorgungsinfrastruktur: Für die Notstromversorgung stehen an 8000 Standorten zirka 20 Mega-Amperestunden in Form von Bleibatterien bereit, mit einem Vergleichswert von rund einer Giga-Wattstunde.

Heiko Lehmann.

Da diese Reserve sehr großzügig ausgelegt ist, wären die Batterien Lehmann zufolge hervorragend geeignet, um Schwankungen im Netz abzufangen — ohne den Betrieb der Telekommunikations-Infrastruktur zu gefährden. Das Unternehmen könnte mit diesen Kapazitäten also zum Anbieter für Regelenergie werden. Es würde Stromnetzbetreibern anbieten, Energieschwankungen im Netz auszugleichen. Dazu lädt es die Stromspeicher bei Lastspitzen im Netz auf – also dann, wenn Windkraftwerke und Solaranlagen kurzfristig viel einspeisen. Herrscht dagegen eine Flaute, würden die Batterien Energie ins Netz zurückgeben. Für diesen Service erhalten die Anbieter eine Vergütung.

Um die Machbarkeit zu demonstrieren, startete Lehmanns Abteilung Tests im telekomeigenen Netz. Sie kaufte Strom an der Energiebörse EEX, wenn er günstig war, und lud damit die Batterien. Um die richtigen Zeiten herauszufinden, nutzte das Telekom-Team Algorithmen, die bereits im Unternehmen zur Einkaufsoptimierung verwendet werden und arbeitete mit den Mathematikern des Zuse-Instituts in Berlin an der Optimierung des Fahrplans fürs Batterieladen. War der Strom teuer, wurde der Strom aus den Akkus in das Firmennetz eingespeist.

Die Tests verliefen erfolgreich, der unternehmensinterne Markt erwies sich ökonomischer Sicht aber als zu klein, um Einnahmen zu erzielen. Doch das System funktionierte, die Technik erfüllte die strengen Prüfvorschriften für das öffentliche Netz. So wagte das Team den Schritt in den Primärenergiemarkt, laut Lehmann der lukrativste Markt in Deutschland. Die Telekom startete ein Pilotprojekt mit dem Energieunternehmen Vattenfall: Batteriespeicher für die Primärregelung. Die Präqualifizierung als Anbieter für Primärregelenergie ist gelungen, die Möglichkeit für eine Vermarktung geschaffen.

Weil die Preise für derartige Diensteleistungen derzeit jedoch zu gering sind, will die Telekom nach einer aktuellen Entscheidung keine Primärregelenergie auf dem Markt anbieten. "Die Ausfallsicherheit des Telekommunikationsnetzes steht für den Konzern an erster Stelle", so ein Unternehmenssprecher.

Lehmann denkt derweil weiter: Er möchte in leer stehenden Telekom-Gebäuden in Ballungsgebieten Blockheizkraftwerke installieren. Diese Standorte sind laut Lehmann ideal: "Wir glauben, dass das Telekommunikationsnetz denselben hierarchischen Designprinzipien folgt wie das Energienetz: Es richtet sich nach der menschlichen Aktivität. Wo viele Menschen sind, wollen sie kommunizieren und auch Energie verbrauchen." An diesen Knotenpunkten im Netz der Telekom sind durch die Veränderungen in der Technik in den vergangenen Jahren 500.000 Quadratmeter an Flächen frei geworden. Sie könnten nach Lehmanns Idee künftig Blockheizkraftwerke beherbergen, die sich in regionale, intelligente Stromverteilnetze integrieren ließen. Dann würden sie die umliegenden Anwohner mit Strom und Wärme versorgen. (bsc)